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6. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

28 Jan

Sophie:

„[…] 2. Ich nehme an, Sie wollen nicht über das „Wie“ des Sehvorgangs informiert werden, sondern über das „Was“? Ich habe den Eindruck ­ allerdings keine Vergleichswerte ­ dass ich genauer als andere Menschen sehe. Grundsätzlich sind ­ trotz Brille ­ meine Augen sehr gut, meine ursprüngliche Sehstärke lag bei 150 Prozent und ist im Moment noch bei 130 Prozent. Die Abnahme von 20 Prozent hat mich jedoch sehr gestört, da ich für mein Empfinden ohne Brille zwischenzeitlich schlecht sehe. Außerdem ist die Brille ein Hilfsmittel, sie „rahmt“ mein Blickfeld ein, daher wollte ich auch keine randlose Brille.

Wenn ich mit der Kamera arbeite, bekomme ich oft die Rückmeldung, dass ich Dinge sehe, die andere nicht wahrnehmen oder über­sehen. Bestimmte Dinge sehe ich besonders gerne, klare Linien, regelmäßige Strukturen, fließende Bewegungen. Unregelmäßigkeiten oder Ungenauigkeiten fallen mir ziemlich schnell auf, teils schon direkt beim Betreten eines Raumes. Das kann eine Teppichfluse sein (wie vergangene Woche bei Ihnen auf dem Boden), ein Nagel in der Wand, ein Riss in der Deckenlampe und anderes. Und ich bekam während der Kameraausbildung gesagt, dass ich eine „ungewöhnliche Perspektive“ auf die Dinge hätte ­ was auch immer damit gemeint ist.

3. Bei meinen eigenen Bildern kommen in der Regel keine Menschen vor. Ich fotografiere Menschen sehr ungern (es gibt genau ein Bild, auf dem ein Mensch zu sehen ist. Der ist mir reingelaufen und ich wollte es löschen, aber dann sah ich, dass die Person ausnahmsweise nicht stört). Für die Arbeit ist es nötig, aber da gehen meist Gruppenbilder. Ab und zu habe ich da mal einen Glückstreffer.

Wenn ich mit meiner Kamera unterwegs war, hatte ich kein konkretes Vorgehen. Ähnlich wie bei der Brille hat der Blick durch den Sucher meinen Blick begrenzt, das mochte ich. Ich nenne das immer „der Welt einen Rahmen geben“ ­ ich kann mich auf das, was ich im Sucher sehe, konzentrieren, was links und rechts davon ist, nehme ich durch die Kamera nicht mehr wahr. Bei der Bildeinrichtung gehe ich nach Gefühl. ­ In dem Buch las ich einen Namen, der zu dem Gefühl „passt“. Es wird dort als „Just­ Right“ bezeichnet. Und genau das ist es. Ich kenne einige Dinge wie den goldenen Schnitt, aber das ist bei meinen Bildern nicht ausschlaggebend. Ich sehe das Bild und „weiß“ in dem Moment, dass es so und nur so „richtig“ ist.

4. Es gibt keine Wunder. Unabhängig davon kann ich aber auch nicht sagen, woran ich es merken würde. Ich sehe, dass viele Dinge bei anderen Menschen anders laufen als bei mir, aber ich weiß nicht, woran man merkt, dass es so richtig ist. […]“

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Ein Kommentar

Verfasst von - 28. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Eine Antwort zu “6. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

  1. Reiner Sauer

    28. Januar 2014 at 12:49

    zu 4,
    …dass es so richtig ist…
    wir können es Fühlen, und wer es verlernt hat, kann es wieder lernen!

     

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