RSS

6. Nachricht von Platon an Sophie

25 Jan

Platon:

„Hallo Sophie,

es sind nicht so viele Fragen. Ich will Sie auch nicht zu sehr von Ihren anderen Dingen abhalten.

1. Beschreiben Sie drei Probleme der letzten Wochen bei der Ausführung Ihrer Arbeit (Schwerpunkt soziale Interaktion).

2. Beschreiben Sie, wie Sie sehen, wie Sie also die Welt visuell wahrnehmen.

3. Ich glaube, Sie hatten es schon erwähnt. Sie fotografieren gerne. Wie gehen Sie vor, um den Bildaufbau und den richtigen Moment abschätzen zu können, wenn Menschen Motiv sind?

4. Wenn über Nacht ein Wunder geschehen würde, und Ihre Probleme plötzlich größtenteils behoben wären, woran würden Sie das am nächsten Tag feststellen?

5. Wenn alle Menschen so wären wie Sie, wie wäre dann die soziale Interaktion auf unserem Planeten. (Hierzu könnte man vermutlich einen ganzen Roman schreiben. Vielleicht beschreiben Sie einfach nur die Dinge, die Ihnen ganz spontan zuerst einfallen).

Mich hat übrigens ein Anflug von Ordnungsliebe getroffen, ich habe aufgeräumt. Nur das Regal ist noch unverändert. Ihre Muschel habe ich allerdings nicht einen Millimeter verschoben. Ich habe Ihnen auch neue Fixpunkte besorgt, damit Sie sich schnell wieder orientieren können.

Zudem wird gerade ein Windfang im Flur gebaut, also nicht erschrecken, wenn Sie Mittwoch das Haus betreten (helfen Ihnen solche Ankündigungen zur Vorbereitung?).

Waren Sie schon einmal an der Küste? Ich könnte mir vorstellen, dass die Strände Ihnen sehr gefallen würden: so gut wie keine Menschen, eine ganz klare, waagerechte Horizontlinie. Natürliche Farben, natürliche Struktur (Wasser, Strand, Dünen). Keine Hindernisse, vor die man laufen könnte oder denen man aus dem Weg gehen muss. Und vor allem: klare, saubere Luft. Wenn es einen Ort gibt, der das Gegenteil einer Großstadt sein könnte, dann wäre es aus meiner Sicht einer dieser Strände.

Liebe Grüße

Platon“

Advertisements
 
9 Kommentare

Verfasst von - 25. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

9 Antworten zu “6. Nachricht von Platon an Sophie

  1. dasfotobus

    25. Januar 2014 at 11:32

    Platon, wo findet man solche Menschen wie dich?
    Deine Fragen finde ich zum Teil sehr schwer zu beantworten, aber bedenkenswert. Ich denke beim Lesen darüber nach, bin dann bei Sophies Antworten erstaunt, wie sehr sie meinem Empfinden entsprechen, nicht alle, aber viele.
    Ich bin nahezu gerührt über deine Mühe, deine Kommunikation und das Umfeld angenehm zu gestalten.
    Mich fasziniert gerade dein Gedanke ans Meer. Kennst du das Buch „Menschen mit Meer“ von Alex Hofmann über mehrere Autisten?
    Ich bewerbe es und mein Blog hier mal etwas frech:
    http://dasfotobus.wordpress.com/2013/07/02/menschen-mit-meer/

    „Ich habe früher immer gesagt: ich mag Berge. Aber das ist falsch. Richtig ist: ich mag Aussicht. Ich mag Berge also im Grunde nur, wenn ich oben drauf stehe und weit gucken kann. An der Nordsee kann ich auch ohne Berge in die Ferne schauen. Einfach so. Immer. Das ist schön. Das ist beruhigend.“

     
    • Ismael Kluever

      25. Januar 2014 at 12:26

      @dasfotobus: Kein Wunder, das du das Buch empfiehlst, ein Kapitel ist ja dir gewidmet! 😉
      Meine Meinung zu „Menschen mit Meer“ hier: http://textschiff.wordpress.com/2013/08/05/menschen-mit-meer/

      Tja, wenn Platon recht hat, dann sollte Sophie am besten an der Waterkant wohnen! *ganzbreitgrins*

       
      • dasfotobus

        25. Januar 2014 at 12:57

        Ja, natürlich, deshalb fasziniert mich Platons Gedanke ans Meer ja so sehr. Wenn er „mein“ Kapitel liest, wird er wissen, warum.

         
    • dualesseinzwei

      25. Januar 2014 at 14:26

      Hallo dasfotobus,

      nein, ich kenne nicht das Buch. Werde es mir aber bestellen, bin jetzt neugierig.

      Sophie hatte von unangenehmen Eindrücken einer Großstadt berichtet. Um diesen negativen Erfahrungen einen Ausgleich, eine positive Wahrnehmung entgegenzusetzen, habe ich in dieser Email die Eindrücke vom Meer und Strand geschildert. Darauf hatte ich mit diesem Bild von der Küste Bezug genommen.
      Es gibt Orte, an denen es sich lohnt, zu sein.

      Liebe Grüße

      Platon

       
      • dasfotobus

        26. Januar 2014 at 2:44

        Ja, solche Orte gibt es. Und die Küste zählt sicher dazu. 🙂
        Viel Spaß beim Lesen.

         
  2. mellissandra

    25. Januar 2014 at 12:23

    einen versuch darüber einen roman zu schreiben gibt es schon: http://www.swp.de/hechingen/lokales/hechingen/Gefuehle-sind-nicht-normal;art5612,2405916

     
    • dualessein

      25. Januar 2014 at 12:28

      Von dem Buch habe ich auch bereits gelesen. Allerdings hat mich das Konzept bislang noch nicht überzeugt… ich finde es schon seltsam, wenn – wie in dem Bericht steht – ich mehr über die Erfahrungswelt eines Autisten erfahre, wenn ich mit Eltern von Autisten spreche.

      Ich bin der Meinung, dass die einzigen adäquaten Ansprechpartner über „andere Erfahrungswelten“ eben die „Betroffenen“ selbst sind.

       
      • Kakerlake

        25. Januar 2014 at 17:10

        Da stimme ich Dir absolut zu. Es wird allerhöchste Zeit, dass nicht mehr ÜBER die „Betroffenen“ gesprochen wird (mit allen dazugehörigen Mutmaßungen und Interpretationen), sondern MIT ihnen. Und das bei diesen Informationen aus der Innenansicht keine Umdeutungen geschehen.
        Ein Beobachter kann immer nur vom Äußeren aufs Innere schließen (interpretieren)…aber wenn er nicht mit seinem Gegenüber wirklich ins Gespräch und in Kontakt kommt und dessen Aussagen so stehen lassen kann, wird sein Bild immer eine Außenansicht bleiben. Ich glaube, dass diesbezüglich gerade ein Umdenken stattfindet und das Blogs, wie dieser, dazu beitragen der Öffentlichkeit einen neuen Weg des Verstehens zu vermitteln.
        Kakerlake

         
  3. Kakerlake

    25. Januar 2014 at 20:21

    Hallo Platon, gut gemacht….diese Ankündigung der vielen Veränderungen in Deinen Räumlichkeiten.
    Das hilft wirklich! (Ein paar angehängte Fotos, die die Veränderungen zeigen, würden die Mitteilung allerdings noch perfektionieren…). (Und beim nächsten Mal schon VOR dem Umbau von den anstehenden Veränderungen erzählen….).
    Ich persönlich habe sehr mit unangekündigten räumlichen Veränderungen zu kämpfen. Es ist ein Schock und ein Verlust der Sicherheit, weil das Gefüge nicht mehr stimmt. Gefühle wie Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit sind dann vorherrschend. Und Flucht ist die Lösung. Irgendwo hin, wo ich mich beruhigen kann…am besten nach Hause. Leider kann es sehr lange dauern, bis ich so einen Schock überwunden habe. Und manchmal gelingt es mir auch gar nicht. In der Kindheit war das besonders schlimm…und es gibt veränderte Orte, zu denen ich nie zurückkehrte.
    Kakerlake

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: