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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

21 Jan

Sophie:

„[…] 2. Ihr Schuh und der damit verbundene Schnürsenkel ist ein beweglicher Punkt. Allerdings haben bewegliche Fixpunkte auch ihre Tücken, denn sie können meine Aufmerksamkeit auch komplett absorbieren. Besonders gefährlich ist das bei Gegenständen, die sich drehen, da muss ich mich zwingen, nicht hinzusehen, denn dann bekomme ich gar nichts mehr mit.

Was Ohr oder Brille angeht, meine ich zu wissen, worauf Sie hinauswollen. Es gab Menschen, die versucht haben, mich dazu zu bringen, ihr beim Gespräch zumindest auf die Nasenspitze zu schauen, um so wenigstens die Illusion eines Blickkontaktes zu schaffen. Die Punkte, die mich im Raum anziehen, haben jedoch meist einen besonderen Reiz, weswegen ich sie auch als Fixpunkte wählen und nutzen kann. Die Muschel im Glas auf Ihrer Fensterbank hinter Ihrem Schreibtisch ist zum Beispiel gedreht, ich mag diese Muschelform sehr. Das Verhältnis der einzelnen „Muschelringe“ entspricht einem mathematischen Zahlenverhältnis, da übrigens sehr häufig in der Natur zu finden ist. Im Fall der Muschel kann man dieses Zahlenverhältnis aber von vorneherein „sehen“. Das wiederum macht die Muschel als Fixpunkt für mich interessant, sie ist etwas, worüber ich nicht nachdenken, mich nicht darauf konzentrieren muss. Ich weiß nicht, ob es dauerhaft möglich wäre, mich auf eine Brille zu fixieren. Im Fall der Nasenspitzewar es so, dass ich nicht mehr mitbekommen habe, was sie eigentlich sagte, weil ich so damit beschäftigt war, ihre Nase nicht „zu verlieren“.

3. Als ich Ihnen mein Handy gab, war ich mehr darauf konzentriert, wie ich Ihnen das Gerät übergeben kann, ohne Ihre Hände zu berühren. Da Sie das Handy mit beiden Händen entgegen genommen haben, ist mir das allerdings nicht gelungen. Zusätzlich bin ich niemand, der gerne Dinge aus der Hand gibt – ­ wahrscheinlich, weil ich sie dann nicht mehr direkt unter Kontrolle habe und nicht klar bestimmen kann, was als Nächstes kommt oder ob mit diesen Dingen „richtig“ verfahren wird. Ich habe bei vielen Dingen ein System oder eine für mich durchaus logische Ordnung, die ich als schön empfinde und die mir zudem hilft, meine Sachen wieder zu finden. Wenn andere Leute da dann etwas verändern, verliere ich Zeit, weil ich die Dinge entweder wieder ordnen muss oder aber Teile suchen muss. Zurückgegeben haben Sie mir das Handy übrigens mit nur einer Hand, da war es dann einfacher, eine Berührung zu umgehen.

4. Ich habe keinen „festen“ Schlafrhythmus, scheint mir. Pro Nacht komme ich auf einige Stunden, bin dazwischen aber mehrfach wach. Es gibt zudem Nächte, in denen ich gar nicht schlafe. Eine Nacht ohne Schlaf kann ich kompensieren, bei zwei und mehr merke ich doch erhebliche Einbußen im Tagesablauf.

5. Ja, ich träume. Vorrangig akustisch, wobei ich das, was ich höre, meist auch einer konkreten Situation zuordnen kann, dem also im Nachhinein „Bilder“ geben kann. Es gibt aber auch immer mal wieder Träume mit visuellen Eindrücken, wobei mir dann auch meist klar ist, dass ich träume. Und Träume mit einer Art „Nicht­Sicht“ ­ ich nehme akustische Reize wahr und mir ist in dem Moment bewusst, dass ich nicht sehe, aber es gelingt mir nicht, die Augen zu öffnen. Diese Nicht­-Sicht ist zudem gekoppelt an irgendwelche Wendeltreppen, die ich nach oben muss oder wenn ich durch sehr enge Passagen hindurch soll.

Allerdings habe ich immer wieder Phasen, bei denen irgendetwas in der Schlaf­-Regulation „stottert“. Dann setzt die eigentlich für die REM­-Phase typische Paralyse ein, ich bin aber eigentlich noch wach. Seit ich weiß, was da genau passiert, habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt. Vorher habe ich immer versucht, den Zustand aktiv aufzuheben, indem ich einen Finger bewege (was in dem Fall wirklich Schwerstarbeit ist), zwischenzeitlich warte ich einfach ab. […]“

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3 Kommentare

Verfasst von - 21. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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3 Antworten zu “5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil II

  1. Kakerlake

    22. Januar 2014 at 17:50

    Hallo Sophie,
    Den Tipp, Leuten statt in die Augen auf die Nase oder Stirn zu schauen, bekam ich auch…und mir gings dann genauso….im Bemühen diesen Punkt nicht zu verlieren, ging mit das Gespräch komplett verloren. Aber Gespräche gehen mir auch dann verloren, wenn Menschen beim Reden gestikulieren. Es gibt Leute, die reden viel mehr mit den Händen (und manchmal auch Füßen) als mit dem Mund. Diese Bewegungen strengen mich über die Maßen an und rauben mir meine Kraft. Ein „Gespräch“ mit so einem Menschen macht mich völlig fertig…da reichen 5 min und ich brauche eine Woche Urlaub auf einer einsamen Insel. Vor meiner Diagnose habe ich mich für meine Unfähigkeit einem Gespräch folgen zu können auch noch geschämt…habe nicht verstanden, warum mich die Gesellschaft anderer Menschen so auslaugt, und warum ich Besucher lieber gehen als kommen sah. Ich schämte mich dafür lieber allein sein zu wollen, als mit jemanden am Tisch zu sitzen und über Dinge zu reden, die mich (in den meisten Fällen) nicht interessieren. Ich schämte mich dafür die Gesellschaft andere Menschen nur auszuhalten statt zu genießen. Ich schämte mich für so vieles…. Die Diagnose brachte mir dann eine unglaubliche Erleichterung. Endlich hatte all das ein Erklärung! Und von nun an konnte ich mir erlauben so zu sein, wie ich bin…ohne mich dafür zu schämen. Ich arbeitete nicht mehr GEGEN meine Natur, sondern suchte mir neue Möglichkeiten um im Leben besser zu recht zu kommen. Es ist ein Leben, dass nun auch andere Menschen mit einschließen kann.
    Kakerlake

     
  2. amicus

    23. Januar 2014 at 18:18

    Liebe Kakerlake,

    herzlichen Dank für Deinen Beitrag und für die Offenheit eines -hört sich komisch an- „Betroffenen“. Ich finde es wichtig unterschiedlichste Facetten der so vielschichtigen ASS kennen zu lernen. Als nicht-Betroffener kann man sich zwar vieles anlesen, abschauen, anschauen und im Gespräch erfahren, es ist aber noch einmal anders DIREKTE Informationen über die Wahrnehmung und die Gefühlswelt (die Menschen mit ASS ja oft abgesprochen wird) zu bekommen.
    Danke auch dafür, dass Du anderen Menschen indirekt Mut machst sich diagnostizieren zu lassen („Die Diagnose brachte mir dann eine unglaubliche Erleichterung.“). Ich weiß aus Erfahrungen und Gesprächen, dass bei vielen dann wirklich „der Knoten platzt“ und sie ihr „so sein“ verstehen. Allerdings ist wirklich -wie Du wahrscheinlich weißt- eine fundierte Diagnose nötig mit allen Testverfahren die dazu gehören : CAARS, AQ für Erwachsenen und was es sonst noch so gibt.
    Ich finde es bedenklich und sogar gefährlich, dass es inzwischen auch Tests im Internet gibt, mit denen man angeblich innerhalb von fünf Minuten herausfinden kann ob ein Asperger-Syndrom vorliegt oder nicht.

    Nochmals Danke für den Kommentar.

    Gruß
    AMICUS

     
    • Kakerlake

      26. Januar 2014 at 20:17

      Lieber AMICUS,
      da stimme ich Dir zu… nur ein fundiertes Diagnoseverfahren kann Gewissheit verschaffen und eventuelle andere „Störungen“ sicher ausschließen. Außerdem läßt sich mit einem Internet-Test kein Schwerbehindertenausweis beantragen…und eine Arbeitsstelle bei auticon gibt’s damit auch nicht.
      Ein Internet Test kann in meinen Augen allenfalls der erste kleine Schritt in diese Richtung sein…also quasi ein HINWEISS…. Und wenn der Leidensdruck hoch genug ist, werden mit Sicherheit weitere Schritte folgen. Die endgültige Diagnose kann dann die große Erleichterung bringen, weil sie so vieles erklärt. Der Weg ist jedoch hiermit nicht zu Ende, sondern es ist vielmehr der Startpunkt für einen Pfad, der nun auf ganz individuelle Weise beschritten werden muss. (Ich habe lange überlegt, ob ich „muss“ durch „kann“ ersetzen kann…aber nein, es gibt kein zurück. Der Weg MUSS beschritten werden, ob man will oder nicht!)
      Sehr hilfreich ist es dann einen Menschen (oder auch mehrere) zu haben, die einem unterstützend zur Seite stehen…

      Viele Grüße, Kakerlake

       

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