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5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil I

19 Jan

Sophie:

„Hallo Platon,

Zu Ihren Fragen habe ich folgende Antworten:

1. Meine Fixpunkte haben eine doppelte Funktion. Zum einen sind sie in noch recht unbekannten Räumen ein fester Bezugspunkt, der bleibt und mir vertraut ist. Je besser ich einen Raum kenne desto mehr dieser Fixpunkte habe ich. Es ist für mich eine Form der Orientierung, anhand dieser Punkte merke ich mir auch ganze Wege. Das funktioniert zumindest so lange, bis einer dieser Fixpunkte verschwindet. Für bestimmte Wege, von denen ich weiß, dass sich deren Umgebung häufig verändert, habe ich mir daher ein System der „falschen Fixpunkte“ angelegt: ­ wenn eine bestimmte Wegmarke auftaucht, weiß ich, dass ich zu weit bin und umkehren muss. Aus irgendeinem Grund fällt es mir jedoch schwerer, „falsche Fixpunkte“ zu definieren, lieber ist es mir, wenn ich klar weiß, wo ich bin.

Betrete ich also einen mir bekannten Raum, kann ich ihn anhand dieser Punkte recht schnell einordnen, sofern ich ihn bereits kenne. Anhand dieser Punkte ziehe ich dann auch den kompletten Raum auf, ich erfasse also zuerst einen dieser mir bekannten Punkte und kann von dort ausgehend den weiteren Raum „sehen“. Ich glaube, das klang jetzt komplizierter, als es ist.

Und ja, bei kommunikativen Situationen hilft mir das, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Ich „verliere“ diese Punkte jedoch, wenn zu viele Geräusche oder störende Lichteffekte um mich herum sind. Dann kann ich allerdings auch dem Gespräch nur noch sehr schwer bis gar nicht mehr folgen. Im schlimmsten Fall bekomme ich die diversen Sinneseindrücke gar nicht mehr sortiert, das sind dann Situationen, die ich sehr abrupt verlasse.

Das, was ich als „Matrix“ bezeichne, ist eine Art „Übersetzungsmodul“. Ich versuche, es an einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn mich jemand fragt, ob ich weiß, wie spät es ist, würde ich, je nachdem, ob ich vorher auf eine Uhr gesehen habe, mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. In genau diesem Moment schaltet sich die Matrix ein und analysiert die Frage: „Wissen Sie, wie spät es ist?“ nach doppelten Bedeutungen. Ich muss mir in dem Moment die Frage stellen, ob die Person von mir wissen möchte, ob ich weiß, wie spät es ist (wovon ich eigentlich ausgehen würde) oder ob dies eine indirekte Aufforderung (was paradox ist, weil eine Frage eigentlich keine Aufforderung impliziert) ist, die Uhrzeit zu nennen. Unter Umständen muss ich den Schritt noch weiter aufschlüsseln, denn ich weiß vielleicht wirklich nicht, wie spät es ist (müsste demnach formal mit „Nein“ antworten), trage aber eine Armbanduhr. Damit beinhaltet die formale Frage implizit nicht nur die Aufforderung, die Uhrzeit zu nennen, sondern auch die der Nennung vorgeschaltete Aufforderung, auf meine Uhr zu sehen, die Uhrzeit für mich in Erfahrung zu bringen (dann weiß ich sie, müsste also mit „Ja“ antworten) und sie anschließend zu nennen. Bei dem bekannten Spiel „Wissen Sie, wie spät es ist?“ reagiert die Matrix recht schnell, weil die Situation zwischenzeitlich bekannt ist. Kniffelig wird es , wenn unbekannte Faktoren ins Spiel kommen. Auch hier ein Beispiel: Mir waren bislang keine Supermärkte geläufig, in denen man selbst Obst abwiegen muss. Vor einigen Wochen stand ich hier in einem Laden und entdeckte über dem Obst und Gemüse das Schild: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“. Das ist wieder der Moment, in dem die Matrix aktiv wird. Aus der Tatsache, dass über der jeweiligen Ware in aller Regel der Preis steht, wurde dann abgeleitet, dass sich das Abwiegen der Ware ebenfalls nur auf die Ware bezieht, über der die Aufforderung steht ­ also dem jeweiligen Obst oder Gemüse.

Aller Wahrscheinlichkeit kann damit nicht gemeint sein, alle Waren, die man einkaufen möchte, abzuwiegen. Gleichzeitig fragte ich mich, welchen Sinn es haben könnte, die Waren abzuwiegen. Ich nehme es zwar gern genau, möchte aber in aller Regel nicht aufs Gramm wissen, wie viel jetzt in meiner Nudelpackung (die ja sowieso nicht gewogen werden muss) beinhaltet ist. Erst an der Kasse, als vor mir ein Kunde Gemüse kaufte, wurde mir klar, was es mit diesem Schild eigentlich auf sich hat: Es geht nicht darum, die Ware abzuwiegen. Der Vorgang des Wiegens ist nicht relevant, denn die Aufforderung: „Bitte wiegen Sie die Ware ab“ heißt eigentlich: „Wiegen Sie die Ware ab, suchen Sie die passende Bezeichnung im Menü der Waage und etikettieren Sie die Ware anschließend korrekt.“ Im Umkehrschluss heißt das: Selbst, wenn Sie die Ware abwiegen (also der Aufforderung des Schildes Genüge tun), haben Sie nicht korrekt gehandelt, denn von Relevanz ist das Etikett.

Inwiefern meine Fixpunkte die „Ressourcen“ für die Arbeit meiner Matrix freischalten, kann ich so pauschal jedoch nicht beantworten. Sicher ist es so, dass ich bei zu viel Gewusel um mich herum mich weder auf meine Fixpunkte noch auf eine korrekte und schnelle Arbeit meiner Matrix verlassen kann. […]“

 

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4 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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4 Antworten zu “5. Nachricht von Sophie an Platon – Teil I

  1. Mueller7de

    19. Januar 2014 at 11:00

    Das ist erhellend, danke für diese Informationen 🙂

     
  2. reynard1603

    19. Januar 2014 at 11:55

    Das Schild „bitte wiegen Sie die Ware ab“ ist ein treffendes Beispiel dafür, dass der Alltag voller versteckter Kontextinformation ist. Dem „neurotypischen Denken“ fällt das nicht auf, Kontexte werden intuitiv erfasst. Im „autistischen Denken“ bedeutet es aktive Arbeit, zu erfassen, was alles gemeint sein könnte. Und in der Interaktion von Menschen mit diesern beiden Denkstilen entsteht das Problem, dass der eine die Schwierigkeit / Leichtigkeit des anderen nicht (intuitiv) versteht.

     
    • Kakerlake

      19. Januar 2014 at 22:36

      „Bitte wiegen Sie die Ware ab…“
      Oh ja, ich kann mich nur zu gut an die Diskussion mit der Kassiererin erinnern, als diese Waagen eingeführt wurden und ich mit der abgewogenen Ware zur Kasse ging… Mir sind diese Subtexte in Anweisungen ein komplettes Rätsel. Wo kommen die „plötzlich“ her ? Und wie erfährt „man“ (in diesem Fall ICH) davon ? Mich hat das so verunsichert, dass ich mein Obst und Gemüse nicht mehr im Supermarkt gekauft habe !
      Kakerlake

       
  3. marina

    19. Januar 2014 at 17:08

    Ich habe schon oft versucht mich in eine derartige situation hineinzudenken, aber Sofies Bericht lesend, bin ich fast erschlagen davon, welche imense Anstrengung das ganze Tag ein Tag aus kosten muss.

    Unglaublich wie du das jeden Tag meisterst!

     

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