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4. Nachricht von Sophie an Platon

14 Jan

Sophie:

„Hallo Platon,

ich bin nun nicht sicher, ob das hier das ist, was Sie sich vorstellten oder gedacht haben, als Sie meinten, dass ich schreiben solle. Auf Ihr „Danke“ aus der letzten Email lässt sich schlecht reagieren. Oder war das Absicht?

Ich hatte jedoch den Eindruck, dass ich Ihre Frage nach dem, was ich mit „aus den Fugen geraten“ meine, nicht so beantwortet habe, dass damit etwas anzufangen ist. Mir erscheint der Punkt jedoch relevant, schließlich war das mit einer der Hauptaspekte, der mich dazu bewogen hat, nach jemandem zu suchen, der Dinge vielleicht klarer oder einfacher sieht als ich.

Schon früher hatte ich das Gefühl, dass einige Dinge deswegen aus den Fugen geraten sind, weil sie nicht mehr richtig waren. Das vergangene Jahr war anstrengend, denn es hat nichts so funktioniert, wie ich es geplant hatte. Wobei auch die Jahre davor anstrengend waren, allerdings fehlte da die Müdigkeit. Ich bin nicht sicher, ob „Müdigkeit“ das richtige Wort ist. ­ Wer müde ist, schläft viel. Aber das Gegenteil war der Fall. Trotzdem fällt mir kein anderes Wort ein, dass den Zustand besser beschreibt.

Mir wird immer wieder gesagt, dass ich nicht recht zu anderen Menschen zu „passen“ scheine. Nicht, dass mir das nicht schon selbst aufgefallen wäre. Während andere Menschen zum Beispiel Ausflüge oder Schulungen in fremden Städten genossen, war ich schon Wochen vorher nervös. Fremde Städte, fremde Hotels, fremde Menschen ­ nicht wirklich meine Stärke. Am schlimmsten war Berlin. Die Stadt ist zu groß, zu laut, zu schmutzig, zu voll. Und die anderen Schulungs-Teilnehmer führten mir permanent vor Augen, was ich nicht bin. Wenn ich dann Bilder dieser Schulungen oder Fahrten sehe, habe ich den Eindruck, dass diese ganzen Bilder aus einer anderen Welt stammen, zu der ich keinen Zugang habe. Ich kann es nur schwer beschreiben. Auf jeden Fall hat es dazu geführt, dass ich mir die Bilder nicht mehr angesehen habe (in der Situation würde ich den Begriff „Einsamkeit“ wählen, nachdem Sie in der vergangenen Sitzung fragten).

Vor einigen Monaten wurde ich dann krank, vollkommen unvermittelt tauchte bei mir eine Autoimmunerkrankung auf. Die Situation hatte sich schnell so weit verschlimmert, dass ich einem Klinikaufenthalt nicht mehr ausweichen konnte. Mich hat dort dieses ständige Gewusel, das permanente Angefasst­-Werden und die zehn verschiedenen Medikamene schlicht wahnsinnig gemacht. 

Auch nach meiner Entlassung wurde es nicht besser, bis meine Ärzte schließlich auf ein starkes Medikament zurückgriffen. So ließ sich die Krankheit dann zumindest einigermaßen im Griff halten. Zu dem Zeitpunkt hätte ich eigentlich längst mit meiner Abschlussarbeit beginnen sollen. Stattdessen geriet ich nicht nur mit der Arbeit, sondern auch mit Klausuren, Prüfungen und Hausarbeiten in Verzug. Der anstehende Wechsel vom Studium zum Beruf, die dafür ausstehenden Planungen, der Wegzug aus „meiner“ Wohnung und der Verlust jeder Zielvorstellung waren ebenfalls schwierig. Alles, was ich bislang gemacht habe, hatte ein Ziel. Das Studium begann ich mit dem Ziel, einen Abschluss zu bekommen. Die Schulzeit hatte als Ziel das Abitur. Aber jetzt?

Und über allem stand und steht die Frage, ob ich jemals verstehe oder nachvollziehe, was es heißt, Teil von allem zu sein. Denn irgendwie bleibe ich ja doch immer außen vor, bin nur Beobachter durch eine Glasscheibe. Ich meinte, dass das zeitlich nicht mehr zu schaffen ist. Ich überlegte kurzzeitig, die Stelle  zu kündigen oder das Studium abzubrechen. Weil ich aber nicht wusste, was davon der richtige Weg wäre, habe ich beides nicht getan. Und über all dem hing permanent diese „Müdigkeit“.

Ich machte das, was und wie ich es immer tat, ­ zugleich kam ich aber nicht voran. Selbst meine Familie glaubte irgendwann, dass mein Pensum nicht mehr zu schaffen sei. Drei Wochen vor Abgabetermin begann ich mit meiner Abschlussarbeit. Einen Tag vor dem Abgabetermin war ich damit fertig. Es war ziemlich knapp und bis zum Schluss war ich eigentlich sicher, dass ich es nicht schaffen kann. Dazu kamen und kommen Bedenken, ob das alles im Beruf so klappt, wie ich es mir vor einem Jahr gedacht habe. Wenn die Stimmung irgendwann in Ablehnung umschlagen sollte, bin ich genau so weit wie vorher. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich entweder gebeten werde zu gehen oder freiwillig gehe, weil ich es Leid bin. Ich würde gerne irgendwo bleiben können. Ohne den Eindruck zu haben, die Dinge nicht mehr kontrollieren zu können.

Ich bin unschlüssig, ob ich es deutlich machen konnte, was ich damit meine. Es ist nicht zeitlich auf das vergangene Jahr begrenzt, dennoch war das für mich die Zeit, in der mir klar wurde, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann. Aktuell fange ich wieder relativ weit vorne an, muss mich neu strukturieren. Das klappt noch nicht so, wie ich das gerne hätte. Aber diesmal möchte ich eben eingreifen, bevor die Dinge ein „Eigenleben“ zu entwickeln scheinen und unvorhersehbar werden. Der korrekte und angemessene Umgang mit anderen Menschen gehört dabei wohl dazu. Das war jetzt mehr, als ich schreiben wollte. Falls es zu viel oder unangemessen ist, geben Sie mir doch bitte eine Rückmeldung.

Mit lieben Grüßen

Sophie“

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Verfasst von - 14. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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