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Zwischen Gedanken – Nach der zweiten Sitzung – Teil II

12 Jan

Sophie:

Ich bin weiter unsicher. Normalerweise würde ich die Dinge auf sich beruhen lassen. Aber vielleicht lohnt es sich doch? Und was, wenn nicht? Was, wenn das alles ein einziger großer Reinfall wird? Und ich nachher vielleicht nicht nur keinen Schritt weiter, sondern sogar Schritte zurückgehen muss?

Ich weiß nicht genau, was es ist. Neugier? Irgendwas ist da. Irgendwas, was es mir nicht ermöglicht, das zu tun, was ich sonst machen würde: Die Sache abbrechen, schweigend warten, dass es sich im Sand verläuft.

Vielleicht ist es wirklich Neugier. Eine vorsichtige Neugier – eine, bei der man nicht aus der Ferne beobachten kann, sondern mitten im Geschehen ist. Ich beobachte lieber.

Platon:

Ich fange an im Internet zu recherchieren. Finde tatsächlich ein Foto von ihr. Finde weitere Informationen. Und ich erfahre, dass sie sich schon mit dem Thema Autismus beschäftigt hat. Ich bin irritiert. Habe ich etwas falsch verstanden?

Hinzu kommen weitere Dinge, die nicht zu ihren Erzählungen zu passen scheinen. Ganz und gar nicht. Liegt es an mir, dass ich das nicht passend zusammen bekomme? Nein, ich bin zwar manchmal unkonzentriert, zerstreut und chaotisch, habe aber eine treffsichere Intuition. Autismus ist das eine. Erklärt aber nicht alle ihre Probleme. Da ist noch mehr, so vermute ich.

Sophie:

Ich beschließe, noch nicht den Rückzug anzutreten. Vorerst. Ich merke, dass mich all das so sehr beschäftigt, vielleicht ist es sogar zielführend. Dass dafür Vertrauen notwendig ist, ist mir klar. Und dass genau das ein Punkt ist, der mir extrem schwer fällt. Ich verlasse mich lieber auf mich. Das ist sicherer, einfacher, berechenbarer. Andere Menschen bringen nur Unordnung, machen die Dinge konfuser, komplizierter und basteln Probleme, wo gar keine sind.

Ich kann nicht mehr sagen, inwiefern ich die Dinge noch klar sehe. Vielleicht braucht es wirklich jemanden, der einen anderen, neutralen Blick hat. Und der die Differenzen in meiner Wahrnehmung klar und ohne Urteile benennen kann.

Wenn ich lernen will, dass ich nicht immer berechnen kann, wohin ein Weg führt, dann sollte ich hier vielleicht anfangen. Auch wenn ich meine Zweifel habe – andere würden es vielleicht eher Angst nennen.

Ich bleibe dran. Vorerst.

Platon:

Für einen Moment merke ich, wie ich unsicher werde, nach Erklärungen suche, die die Widersprüche auflösen. Oder werde ich vor irgendeinen Karren gespannt?  Werde ich getestet?

Nein, so darf ich gar nicht erst denken. Vielleicht entstehen diese Widersprüche nur in meiner Sinn­Konstruktion, nicht aber in ihrer. Vielleicht sind diese Widersprüche auch eine weitere Ursache ihrer Probleme. Es ist letztlich unerheblich.

Ich werde weiterhin geduldig mit den Informationen auskommen müssen, die sie mir gibt. Und das ist auch gut so. Den Takt soll sie bestimmen. Ich beschließe, sie einfach zu Beginn der nächsten Sitzung auf diese Widersprüche direkt und unvoreingenommen anzusprechen, ihr von meiner Irritation zu berichten, und ihr gleichzeitig zu sagen, dass, egal welchen Weg sie mit mir einschlagen möchte, ich sie unterstützend begleiten werde, so gut ich das kann, und solange sie das möchte. Es ist nicht unbedingt ihre Aufgabe, mir Dinge zu erklären und plausibel zu machen oder Informationen nicht vorzuenthalten. Es ist vielmehr meine Aufgabe, so gut es geht vertrauensvoll und tatsächlich helfend da zu sein.

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6 Kommentare

Verfasst von - 12. Januar 2014 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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6 Antworten zu “Zwischen Gedanken – Nach der zweiten Sitzung – Teil II

  1. Colore

    12. Januar 2014 at 10:08

    Ich finde es eine absolute Unverschämtheit, das ein Therapeut oder Berater seine Patienten googelt!!! Das ist in meinen Augen ein massiver Eingriff in die Privatsphäre!!! ich würde das nicht dulden. Für mich wäre es ab da mit dem Vertrauen endgültig vorbei!
    Sofie, manchmal hat Misstrauen seine Berechtigung!

     
    • dualesseinzwei

      12. Januar 2014 at 11:58

      Hallo Colore,

      ich habe wohl eher aus Interesse im Internet recherchiert. Meinerseits misstrauisch zu sein, macht keinen Sinn. Wenn ich aber vermute, Widersprüche zu erkennen oder selbst Irritationen verspüre, dann bringe ich das klar zum Ausdruck. Das ist auch eine Form des Vertrauens. Überhaupt seine Gedanken offen zu berichten, setzt Vertrauen voraus und man macht sich verletzlich. So ist es übrigens auch bei diesem Blog. Sophie und Platon machen sich gleichermaßen verwundbar.

      Sophie schreibt gerne, schreiben ist ihre Profession. Im Internet werden zum Zwecke der Veröffentlichung von Sophie Beiträge auf kommerziellen bzw. gemeinnützigen Plattformen veröffentlicht. Zu gesellschaftlichen Themen. Die habe ich mir angeschaut. Und ihr davon in der folgenden Sitzung erzählt. Einen möglichen Vertrauensbruch habe ich überhaupt nicht in Betracht gezogen.

      Das Thema ist aber grundsätzlich interessant. Ich habe daraüber so bisher noch nicht nachgedacht. Das gab es bisher noch nicht bei mir. Ich frage mich allerdings, ob das Internet und darin frei veröffentlichte Beiträge Privatsphäre sind. Auf jeden Fall werde ich zukünftig diese Thematik sensibilisierter handhaben. Daher vielen Dank für deinen Beitrag.

      Liebe Grüße

      Platon

       
      • Colore

        12. Januar 2014 at 12:21

        Trotzdem geht das nicht!!! Das ist genau so wie wenn jemand mein Tagebuch findet und nachher sagt das er darin gelesen hat!!! Selbst wenn die Sachen veröffentlicht wurden, sollte ein ehrlicher Berater das VORHER fragen ob das okay ist!!! Oder die Sachen die ihn iritieren, so ansprechen!!! aber nicht heimlich googeln!!!

         
    • dualessein

      12. Januar 2014 at 12:10

      Hallo,

      ich habe da ebenfalls kein Problem gesehen und sehe es auch jetzt nicht. Ich gehe mit meinen vertraulichen Daten so um, dass sie nicht ohne Weiteres über das Internet erfahrbar sind. Des Weiteren habe ich durchaus einen „Allerweltsnamen“, sodass es bei einer etwaigen Internetrecherche gar nicht so einfach ist, mir gewisse Funde eindeutig zuzuordnen. Die Dinge, die sich im Internet von mir finden, wurden bereits anderweitig veröffentlicht.

      Die anschließende Frage zu den gefundenen Inhalten hat das Ganze ja dann zudem thematisiert und in einen eindeutigen Bezugsrahmen gesetzt.

      Ich denke, dass heute jeder damit rechnen muss, über Suchmaschinen gesucht zu werden. Das machen künftige Arbeitgeber so, das machen Lehrer so. Wenn man das im Blick hat, kann man seine Inhalte entsprechend veröffentlichen. Wenn man aber unachtsam mit seinen Daten und Inhalten umgeht, dann darf man sich – meiner Meinung nach – auch nicht wundern, wenn andere Menschen auf eben diese Beiträge aufmerksam werden.

      Sophie

       
  2. amicus

    13. Januar 2014 at 15:11

    Sophie, du hast völlig recht. Man muss heute immer damit rechnen, im Netz gesucht und gefunden zu werden. Das ist, finde ich, weiter auch nicht schlimm, denn jeder sollte selbstverantwortlich mit seinen Daten umgehen und sich klar darüber sein: Das Internet vergisst nicht! Ich schaue genau darauf was ich wo veröffentliche und wo mein (Klar-)Name auftaucht.
    In diesem Sinne hinkt der Vergleich mit dem Tagebuch.- Es sei denn ich gehe damit genauso unverantwortlich um, wie mit Daten im Netz- 🙂
    Was die Verantwortung des Therapeuten angeht, habe ICH damit keine Probleme, zudem ich damit rechnen muss, auch als Therapeut im Netz gesucht und gefunden zu werden (und zwar nicht nur unter der bekannten Homepage). Man kann das Thema also auch von zwei Seiten betrachten.
    Viel wichtiger finde ich, im Nachhinein darüber zu sprechen, um Heimlichkeiten zu vermeiden und damit das Vertrauen zu zerstören. Das könnte sich locker und salopp so anhören: „Hallo Sophie, ich habe Sie heute mal gegoogelt.“ – „Hallo Platon, ich Sie auch.“ 🙂
    Scherz beiseite! Unausgesprochenes kann in dieser Hinsicht schnell zu Verwirrungen führen, gerade wenn sich scheinbare Widersprüche oder Ungereimtheiten auftun. In dieser Hinsicht währe es gut, es nicht bei eigenen „Vermutungen“ zu belassen, sondern der „treffsicheren Intuition“ zu folgen und zu schauen was hinter dem „mehr“ steckt.

    (…) „Werde ich vor einen Karren gespannt? Werde ich getestet?“ (…)
    Ich bin zwar kein Freund von Freud, (das Wortspiel sei mir gestattet 🙂 ) starte aber mal einen „psychoanalytischen Testballon“, lieber Platon:
    „Gegenübertragung“ steht für die Gefühle und Fantasien, die ein Klient bei einem Therapeuten auslöst. Es ist so, dass im Rahmen einer Lehranalyse der Psychoanalytiker lernen sollte, seine Gefühle und Gedanken von den Gefühlen und Fantasien zu unterscheiden, die vom Klienten ausgehen, um mit beiden angemessen umgehen zu können und unbewusste Verstrickungen in die Probleme des Patienten zu vermeiden. Tatsächliche Behandlungsfehler in oder nach der Sitzung mithilfe der eigenen Gefühle, Fantasien und Gedanken zu erkennen, AUCH WENN SIE NICHT AUSDRÜCKLICH VOM KLIENTEN AUSGESPROCHEN WORDEN SIND, gehört zu den Fähigkeiten, die sich ein Therapeut aneignen sollte, auch wenn er nicht unbedingt der Psychoanalyse verhaftet ist, finde ich.
    Alles nicht so einfach und oft dünnes Eis…..
    Ich bin weiterhin gespannt.
    Euer
    AMICUS

     
  3. michael

    28. Januar 2014 at 13:20

    @Colore: Ich finde die zahlreichen Ausrufezeichen und Ausdrücke wie „Unverschämtheit“ voll daneben. Jemand der über 18 Jahre alt ist, gilt als erwachsen. Man entscheidet selbst, was man im Netz einstellt. Insbesondere, wenn es um kommerzielle Plattformen geht (= mit der Veröffentlichung wird Geld verdient).
    Menschen die etwas im Netz veröffentlichen haben ein Ziel: Das was sie geschrieben haben, soll jemand lesen. Auch ein Therapeut. Vielleicht möchte der Veröffentlichende sogar ganz besonders, dass der Therapeut das geschriebene liest. Ein Tagebuch ist das genaue Gegenteil.

     

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