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Zwischen Gedanken – Nach der zweiten Sitzung – Teil I

11 Jan

Sophie:

Ich bin wach. Unruhig. Unsicher. Zu müde, um klar zu denken. Zu viele Fragen geistern durch meinen Kopf, Fragen, die ich mir nicht stellen will. Was davon ist wichtig, was unwichtig. Überhaupt: ist es richtig, was ich gerade mache?

Der Philosoph ist nett. Verwirrend, aber trotzdem nett. Ich weiß nur nicht, ob es echt ist. Seine Fragen bringen Unruhe in eine Zeit, die noch nicht ruhig ist. Und ich weiß nicht, ob ich es zulassen kann und will – was die Frage aufwirft, ob er jemand sein könnte, dem man „vertrauen“ kann. Ich merke, dass Dinge in Gang gesetzt werden, die viel zu lange still stehen mussten. Oder sollten? Aber ist es das überhaupt wert? Sollte ich die Dinge nicht so lassen, wie sie sind? Mich noch mehr bemühen, mich anzupassen, „richtig“ zu sein – so, wie andere Menschen auch. Einfach „normal“.

Platon:

Ich mag den Begriff „Autismus“ nicht. Er sagt im Grunde nichts über den Menschen aus, der damit in Verbindung gebracht wird. Genauso wie bei ADHS spreche ich dabei nicht von Störung oder Krankheit. Ich spreche so oft es geht von „Andersartigkeit“. Und diese Andersartigkeit i letztlich nur auf die Häufigkeit bestimmter zwischenmenschlicher Phänomene bezogen. Also nur quantitativ, nicht aber qualitativ begründet.

Diese Andersartigkeit als solche therapieren zu wollen – in welcher Form auch immer – erscheint mir als Verletzung der persönlichen Integrität. Auf Standardprogramme und ­konzepte zurückzugreifen ist vielleicht einfach und geht schnell, berücksichtigt aber nicht die persönlichen Stärken und individuellen Probleme im Alltag. Um diese Stärken und Probleme in den Blick zu nehmen, ist allerdings viel Zeit notwendig. Und echtes Interesse daran.

Sophie:

Ich bin wieder dabei, die Dinge zu zerdenken. Im Kopf hin und her zu schieben, zu drehen und zu wenden und doch nicht voran zu kommen. Menschen sind seltsam. Sie sagen oft Dinge, meinen sie aber anders. Oder sie sagen oft Dinge und behaupten, sie zu meinen, obwohl es eigentlich nicht stimmt. Ich weiß nicht, wie oft ich darauf herein gefallen bin. Auf vermeintlich nette Menschen, die mich angeblich nicht seltsam fanden – und sich mit anderen über mich lustig machten, wenn ich den Raum verließ. Die Informationen von mir wollten, nur, um diese nachher gegen mich zu verwenden. Nachher, wenn es nicht mehr genug war, sich insgeheim  Dinge, die ich sagte, lustig zu machen.

Ich bin vorsichtig geworden. Und trotzdem passiert es mir immer wieder, dass ich darauf hereinfalle. Ich passe auf, was ich sage. Wann ich es sage. Ob ich es überhaupt preisgebe. Ich mag diese imaginäre Glaswand zwischen mir und den anderen Menschen nicht, dieses „Ich-im-Aquarium“. Gleichzeitig aber ist es mein Schutz. Die wenigsten kommen nahe genug heran, um hinter das Glas zu schauen. Die wenigsten wollen nahe genug heran. Nur – wenn sie es schaffen, können sie mir weh tun.

Ich traue ihm nicht. Auch wenn ich es gerne täte.

Platon:

Ihre Wahrnehmung unterscheidet sich offenbar extrem von meiner Art und Weise, die umgebende Welt wahrzunehmen. Aber wie nimmt sie die Welt wahr? Kann ich ihr überhaupt helfen, ohne ihre Sicht auf die Dinge zumindest ansatzweise zu verstehen? Wenn ja, welche Form von Hilfe ist letztlich wirklich eine Hilfe für sie? Was war bisher eine Hilfe für sie? Auch diese Frage sollte geklärt werden.

Ich bin kein Autismus-Spezialist. Eher so etwas wie ein Landarzt unter den Medizinern. Unterstütze und helfe bei den vielfältigsten Anliegen. Falls ich nicht oder nicht mehr helfen kann, dann verweise ich an Fachleute. Ich überlege, ob ich sie an ein Autismus-Zentrum oder eine andere Fach-Institution verweisen soll. Ich habe aber damit meine Erfahrungen. Und ich habe den Eindruck, dass die sogenannten Spezialisten und die Reisen dorthin, die Untersuchungen und weiteren Fragen eine zusätzliche Belastung für sie wären. Kurz: kontraproduktiv.

Ich entschließe mich, mit weiteren Fachleuten und Institutionen noch zu warten. Noch mehr zu erfahren.

Ihre Familie scheint mir ein wichtiger Weg zu sein. Doch sie möchte noch nicht, dass ich mit ihr nahestehenden Personen Kontakt aufnehme. Warum nur? Gründe wird es mit Sicherheit geben, aber so muss ich nun auf vielleicht wichtige Informationen verzichten. Vielleicht ändert sie irgendwann diese Meinung. Ich bleibe hartnäckig bei dieser Frage.

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9 Kommentare

Verfasst von - 11. Januar 2014 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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9 Antworten zu “Zwischen Gedanken – Nach der zweiten Sitzung – Teil I

  1. Ismael Kluever

    11. Januar 2014 at 12:41

    Hallo Sophie!
    Interessant, – die Metapher vom Aquarium habe ich auch mal benutzt. Natürlich wieder aus meiner neurotypischen Perspektive und zu einem etwas anderen Thema. Aber doch mit Überschneidungen.
    http://erdlingskunde.wordpress.com/2013/07/17/vor-dem-aquarium/

    Du schreibst von Menschen, die dein Vertrauen missbrauchten und sich hinter deinem Rücken über dich lustig machten. Müssen also wir Neurotypischen „therapiert“ werden? (Eine ernstgemeinte, wertfreie Frage!)
    Zumindest sollten wir NTs unser Sozialverhalten sehr eingehend selbst kennenlernen und kritisch reflektieren. Mit selbst ist der Austausch mit euch Autisten dabei eine wertvolle Hilfe!

     
    • dualessein

      11. Januar 2014 at 14:53

      Hallo,

      ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, in diesem Fall von „Therapie“ zu sprechen. Es scheint mir eher ein „normales“ soziales Phänomen zu sein, nicht das zu sagen, was man wirklich denkt, diesen Gedanken dann aber in Abwesenheit der betroffenen Personen Ausdruck zu verleihen und in Teilen auch massiv zu überspitzen. Was die Grundlage dieses Phänomens ist, weiß ich nicht. Ich beobachte es nur sehr häufig – mal bin ich betroffen und die Leute scheinen zu glauben, weil sie mich nicht sehen, kann ich sie automatisch auch nicht hören; aber häufig sind auch andere betroffen. Da sprechen Menschen miteinander und tauschen Meinungen aus und sobald eine Person den Raum verlässt, entsteht innerhalb der noch vorhandenen Gruppe im Raum ein – nicht positives – Gespräch über Eigenschaften und Meinungen der Person, die gerade den Raum verlassen hat. Das ist ein ziemlich kompliziertes und in meinen Augen auch sehr kontraproduktives Verhalten.
      Ich neige dazu, mich über diese Dinge, die ich als störend empfinde, gar nicht zu äußern – oder aber sehr direkt die Sache beim Namen zu nennen. Und zwar gegenüber der betroffenen Person. Aber dieses „Meinungs-Pendeln“, das sich nach den anwesenden Personen richtet, ist mir ein Rätsel.

       
      • Ismael Kluever

        11. Januar 2014 at 15:49

        *schmunzel* Den Begriff „Therapie“ hab ich ja absichtlich in Anführungzeichen gesetzt.

        Über diese Problematik, also das Lästern und „Meinungs-Pendeln“, hab ich auch schon nachgedacht. Meine Vermutung: Es trägt offensichtlich zur Festigung von Gruppen bei, gemeinsam über die gleiche Sache – oder Person! – zu reden und dabei die gleiche Meinung zu äußern. Egal ob man diese Meinung nun wirklich hat oder nicht.

        Wahrscheinlich werden Personen, die dabei nicht mitmachen oder aus anderen Gründen nicht integriert sind, als Bedrohung empfunden. Diese „outcasts“ geben dann natürlich ein besonders gutes Thema zum Sich-innerhalb-der-Gruppe-Solidarisieren ab.

        Dass dieses Verhalten häufig vorkommt, muss aber nicht bedeuten, dass es nicht auch anders ginge, finde ich.

         
  2. amicus

    11. Januar 2014 at 14:57

    Hallo Sophie!

    Ich finde die Metapher mit dem Aquarium auch sehr gelungen und manchmal denke ich mir „wer im Glashaus sitzt sollte doch (manchmal) mit Steinen schmeißen“. ( Anmerkung: Ich gebrauche das Zitat bewusst anders als es ursprünglich gemeint ist.) Dies erfordert aber eine aktive Handlung von dir – liebe Sophie- und ich bin mir bewusst, dass du dadurch deinen Schutz aufgeben würdest; ob es das wert ist kannst nur du und auch kein Therapeut beurteilen. Ich denke es ist wichtig, dass dich jemand -dem du wirklich vertraust- an die Hand nimmt und nicht vor,sondern hinter dir steht. Du brauchst SELBER den freien Blick aber -so glaube ich- auch jemanden auf den du in unsicheren Situationen „zurückzugreifen“ kannst.

    Lieber Platon!

    Ich mag den Begriff „Autismus“ auch nicht (es ist aber nun mal der Fachterminus im ICD 10). Du hast recht, er sagt gar nichts über die betreffende Person aus und die Thematik ist auch zu vielschichtig,- ein „Spektrum“ eben. Fach- Institutionen haben mit Sicherheit im Rahmen der Diagnostik ihre Berechtigung, darüber hinaus habe ich meine Erfahrungen, die nicht unbedingt positiv sind. Wichtiger ist -glaube ich- der Austausch mit Gleichgesinnten (z.Bsp. in Selbsthilfegruppen, auch wenn ich diesen Terminus auch nicht mag) Außerdem halte ich es mit Rogers und bin der Meinung, dass jeder „Asperger“ sein eigener „Fachmann“ sein kann. In dieser Hinsicht ist als therapeutische Intervention z. Bsp. das sokratische Gespräch eine Möglichkeit.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilft NICHT krampfhaft nach einer passenden Therapie zu suchen, oft entsteht ein eigenes Therapiemodell im Gespräch. Weil eben jeder mit ASS anders ist. Für manchen ist eine kognitive Verhaltenstherapie der richtige Weg, für anderen Biographiarbeit……
    Wichtig ist es Vertrauen und (wie schon erwähnt) Rückhalt zu schaffen und das funktioniert nicht in wenigen Wochen, sondern kann Jahre dauern.
    Ich bin der Meinung, dass die Frage nach der Familie und nahe stehenden Personen wichtig ist aber ich denke, dass eine „Hartnäckigkeit“ zur Zeit unangebracht ist. Einiges löst sich mit Sicherheit im Laufe der Zeit. Geduld und genaues hinhören ist möglicherweise der Schlüssel; aber wem sage ich das…… 😉

    Gruß
    AMICUS

     
    • dualesseinzwei

      11. Januar 2014 at 20:50

      Hallo Amicus,

      in der Tat ist der Begriff „Hartnäckig“ in diesem Zusammenhang sehr unglücklich gewählt. Als ich heute meinen Text online gelesen habe, bin auch ich an diesem Wort hängengeblieben. Und habe mich gewundert, dass ich mich in der Wortwahl so vergriffen habe. Ich meinte wohl eher „geduldig“.

      Grundsätzlich ist – vor allem wenn man versucht, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen – der Kontakt zu nahestehenden Bezugspersonen sehr hilfreich. Vor allem dann, wenn eventuell existentielle Fragen in der Klärung sind, wie eine berufliche Neuorientierung, ein Wohnortwechsel, Inanspruchnahme sozialer Leistungen etc. Es ist schwierig, wenn der Berater nur auf die Selbstwahrnehmung der ratsuchenden Person bei seinen Interventionen zurückgreifen kann. Ein noch höherer Grad der Verantwortung als sonst lastet dann auf den Schultern des Beraters.

      Deine weiteren Gedankengänge und Ausführungen kann ich gänzlich bestätigen.

       
      • amicus

        13. Januar 2014 at 15:49

        Lieber Platon,
        etwas verspätet eine Antwort zu deiner Antwort. 🙂
        Recht hast Du, natürlich ist ein Kontakt zu nahe stehenden Bezugspersonen, also zum gerade real existierenden System wichtig. Leider lässt sich so etwas nicht erzwingen, aber wem sage ich das. Für mich gibt es zwei Arten von System und der Arbeit daran: Das eigene innenliegende, heißt: Wie nehme ich mich selber als Teil eines Systems wahr und wie gestalte ich dieses. Der Umgang und die Arbeit damit ist, glaube ich, die Ureigene des Therapeuten. Dann gibt es, nach meiner Auffassung, noch das äußere System, will heißen: Familie, Freunde, Kollegen… und da wird es oft nicht einfach. Inwieweit soll /muss sich ein Therapeut „einmischen“ und /oder andere Fachkräfte (wieder dieses komische Wort 🙂 ) zu Rate ziehen? Gerade, wenn es um existentielle Fragen wie Wohnortswechsel, Finanzierung, etc. geht. Ein Therapeut kann und muss nicht ALLES leisten!
        Es ist aber gut, wenn er vernetzt arbeitet und andere – im handwerklichen Bereich würde man sagen „Gewerke“ – mit ins Boot holt. Das hilft wahrscheinlich auch, die Verantwortung zu minimieren um nicht irgendwann einmal selbst Hilfe zu benötigen. Erfahrungsgemäß hat ein Therapeut ja nicht nur einen Klienten… 🙂
        In diesem Sinne: Alles Gute und einen sinnvollen Ausgleich!
        AMICUS

         
  3. Mueller7de

    12. Januar 2014 at 11:46

    Hallo!
    Ich habe eine Lawine im Kopf und beschränke mich daher auf Thesen:
    1. @Platon: Ich vermisse die Frage „Worüber möchten Sie heute sprechen?“ 🙂
    Mich würden Ihre vielen Fragen sehr verschrecken.
    2. @Sophie: Platon ist ein Philosoph. Kein Freund, kein Arbeitskollege, keine aktiv handelnde Person in Deinem Freundeskreis. Er darf von Berufs wegen nicht über die Dinge sprechen, die er von Dir erfährt. Das kannst Du klären. Es ist also – meiner Auffassung nach – kein Vertrauen nötig. Ich finde auch keineswegs, dass Du Dich überwinden musst, über Dinge zu sprechen, über die Du nicht sprechen möchtest. (Aber das habt ihr ja klar, richtig?)
    3. Etwas zulassen können/wollen: Warum stellt sich die Frage? Ihr sprecht miteinander, weil Sophie Hilfe bekommen möchte und Platon Hilfe geben möchte. Ein Thema, dass nicht (oder noch nicht) auf Sophies Agenda steht, sollte m. E. ruhen.

     
    • dualessein

      12. Januar 2014 at 11:50

      Hallo,
      zu 2.: Das stimmt. Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr viele Menschen gibt, die es nicht interessiert, was sie von Rechts wegen dürfen oder nicht. Zu wissen, dass jemand diese Grenzen auch wirklich einhält, ist etwas, was durchaus ein gewisses Vertrauen voraussetzt und für mich keineswegs selbstverständlich.

       
      • Mueller7de

        12. Januar 2014 at 11:56

        Das stimmt, da hast Du recht. Du kannst es schriftlich machen, dann ist es verbindlicher und fordert Dir nicht so viel „Vorschuss“ Vertrauen ab. 🙂

         

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