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Die zweite Sitzung – Teil III

07 Jan

Sophie:

Irgendwie fehlt der rote Faden. Ich komme dem Gespräch nicht hinterher. Zu sprunghaft. Die Wechsel sind nicht vorhersehbar, willkürlich. Mal geht er auf die Emails ein, dann wieder auf das Thema Essen, dann auf Berührungen. Strukturlos. In meinem Hinterkopf macht sich ein dumpfer Druck breit, ich merke, dass meine Konzentration nachlässt. Der Philosoph ist anstrengend. Die Straße vor dem Fenster scheint immer lauter, immer unruhiger zu werden. Manchmal blenden die Scheinwerfer der Autos. Draußen reden Leute. Das Telefon klingelt. Ich erschrecke.

Platon:

Sie hat Humor. Sie hat häufiger gelächelt. Ich habe den Eindruck, dass die Art von Annäherung, die wir gerade vollziehen, auch für sie neu ist.

Ich sage ihr, dass ich wie ein Trainingspartner sei. An mir könne sie sich und neue Techniken ausprobieren. Sie bekomme von mir immer ein Feedback. Bei mir gebe es keine sozialen Sanktionen. Sie könne auch Fragen stellen. All die Fragen, die vielleicht in den letzten Jahrzehnten nicht gestellt wurden.

Sophie:

Die Sitzung ist zu Ende. Sie schien lang gedauert zu haben, ich weiß es aber nicht genau. Es ist dunkel draußen, angenehm dunkel. Ich würde gerne rausgehen, muss aber die Verabschiedung hinter mich bringen. Wieder weiß ich nicht, wie ich vorgehen muss. Wie der Anschluss zu finden ist. Ob es überhaupt einen gibt. Die Briefe, die Emails sind einfacher. Das sage ich ihm auch. Er lässt die Möglichkeit offen, möchte, dass ich mich melde. Aber ich weiß nicht, was ich ihm schreiben soll, wenn er nichts fragt. Ich weiß nicht, was wichtig ist. Was er wissen muss. Ich suche den sozialen Fahrplan, damit ich verstehe, welche Informationen er von mir braucht. Und welche ich ihm überhaupt geben darf.

Ich bin müde.

Platon:

Ich bin unsicher, ob der bis jetzt überdurchschnittlich umfangreiche Email­kontakt für sie zu viel ist, zu sehr in ihre Welt eindringt, stört. Ich sage ihr, dass ich ihr den Umfang der Email­Kommunikation überlasse, selbst vielleicht erst mal eine Pause mache. Sie reagiert, ich kann aber die Bedeutung  nicht genau erkennen. Die Unsicherheit bleibt.

Jetzt kommt wieder die Verabschiedung. Ich muss die einzelnen Schritte der Beendigung des Besuchs deutlich einleiten. Begleite sie bis vor die Tür. Sie sagt „Tschüss“, dreht sich um, zögert etwas in ihrer Bewegung, dreht sich nochmals halb zu mir zurück: „Sie können ruhig weiter Emails schreiben“. „Ja, okay.“

Dann geht sie.

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4 Antworten zu “Die zweite Sitzung – Teil III

  1. mellissandra

    7. Januar 2014 at 18:32

    faszinierend, das platon ausgerechnet das, was mir am leichtesten fallen würde, der kontakt per mail, als „zuviel“ betrachtet

     
  2. Reiner Sauer

    7. Januar 2014 at 19:24

    …“welche ich ihm überhaupt geben darf.“

    Wieso „darf“?

     
  3. Mueller7de

    8. Januar 2014 at 0:05

    Ich merke, wieviel Glück ich in meiner Therapie habe. Wir haben allerdings auch schon länger „geübt“.
    Begrüßung und Abschied haben feste Routinen. Ich verlasse das Zimmer und das Haus immer ohne Begleitung durch sie. Das würde mich stören.
    Bei uns spreche ich, die Therapeutin gibt mir keine Themen vor, will von sich aus selten etwas wissen und wenn, dann kann ich annehmen oder ablehnen, bevor ich antworte. Vielmehr schildere ich etwas und frage sie dann nach Fachwissen, Einschätzungen usw. Was ich dann damit mach ist meine Sache. Ich entscheide ob und wie ausführlich das jeweilige Thema vertieft wird.
    Die Stunde beschließe ich, spätestens, wenn ich merke, dass ich aus dem Takt gerate, müde werde oder einfach nicht mehr möchte (da ist dann immer ein Grund hinter, aber ich muss nicht begründen, wofür ich ihr sehr dankbar bin).
    Die vielen Fragen würden mich in die Flucht schlagen.
    Allerdings bin ich auch sehr mitteilsam und da wir in der Sitzung schreiben, wird mein zeitweiser Wortschwall durch meine „Fingerfertigkeit“ begrenzt.
    Ich wünsche Dir und Platon, dass ihr viele angenehme Routinen findet, die euch sicher durch die Sitzungen bringen 🙂

     
  4. Anita

    2. März 2014 at 18:40

    Die Themenvielfalt, die notwendig für das Kennenlernen zu sein scheint, ist mir in unserer Therapie auch zu viel.

    Und irgendwie kommt das wichtige immer irgendwie nicht richtig dran.

    Auch erscheint mir der Termin bei Beginn oft als zu lang angesetzt, aber kaum habe ich die Möglichkeit gefunden, „mein“ Thema anzusprechen, ist der Termin schon wieder vorbei.

    Routine scheint aber für Platon ebenso wichtig zu sein, wie für Sophie.

    Ein Fakt, den ich bei unseren Therapeuten anscheinend unterschätzt habe, aber der im Rückblick durchaus Sinn ergibt.

     

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