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Die zweite Sitzung – Teil II

05 Jan

Sophie:

Wieder ist das Thema der Blickkontakt. „Wissen Sie eigentlich, wie ich aussehe?“ Was will er denn jetzt? Draußen rauschen die Autos vorbei, rumpeln über das Kopfsteinpflaster. Hinter mir gluckern die Fische im Aquarium. Manchmal kommen sie an den Wasserrand und es gibt ein blubberndes Geräusch.

Menschen. Er will über Menschen reden. Über ihr Aussehen. Der Philosoph bringt mir ein Bild. Ein Teppich, darauf ein Hund und ein Mensch. Ein Mensch mit kleinen Händen. Ein Kind. Auf den ersten Blick könnte ich nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Aber ein Kind. Da ist auch eine Zahnlücke. Die hat der Philosoph selbst noch gar nicht gesehen. Verrückt. Dabei hängt das Bild doch in seinem Büro an der Wand.

Nein, ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich weiß, welche Kleidung er trägt, welche Brille (wenn er sie nicht gerade selbst sucht) und was für Schuhe. In diesem Praxis-Kontext weiß ich, dass er es ist. In der Innenstadt wüsste ich es nicht. Ich erkenne Leute häufig nicht wieder. In dem Moment, in dem ich sie nicht mehr sehe, verschwinden sie auch aus meinem Gedächtnis. Ich weiß, was sie gesagt und getragen haben. Aber wie sie „aussehen“, das weiß ich nicht. Fehlt ein wichtiges Detail, erkenne ich selbst Verwandte nicht mehr wieder.

Platon:

Ich spreche mit ihr über Menschen, über Äußerlichkeiten. Darüber habe sie sich so noch keine Gedanken gemacht. Es ist wohl nicht ihr Lieblingsthema. Genauso wie ihr Essverhalten. Das hätte schon immer zu langen Diskussionen geführt. Ich frage trotzdem nach. Mich interessiert in erster Linie, ob eventuell Mangelerscheinungen möglich sind, durch einseitiges essen. Sie isst einseitig, sehr einseitig. Ihr scheint die Problematik einer möglichen Fehlernährung nicht bewusst zu sein.

Ich stelle Fragen, sehr viele Fragen. Zu viele? Ich gehe mit ihr die letzten Emails durch, hatte mir einige Stellen markiert. Frage sie, ob sie Gesichter erkennen kann, ob sie ihren Chef auf der Straße erkennen würde. Sie sagt: „Wohl nicht.“ Eher an den Kleidern, dem Stil, der Art zugehen, der Stimme. Ich nehme ein Bild im Büro von der Wand, frage sie, was darauf zu sehen ist. Ein Hund und wohl ein Mädchen, wegen der Hände, und der Zahnlücke.

Sophie:

Abrupt wechselt der Philosoph das Thema. Will wissen, was ich esse. Wie ich esse. Ich mag das Thema nicht. Erzähle von meinen Nudeln. Und dem Spinat. Und den grünen Äpfeln. Ein bestimmtes Grün müssen sie haben, müssen „richtig“ sein. „Wie essen Sie die Äpfel?“, will er von mir wissen. „Mit dem Mund“, gebe ich zur Antwort. Während ich mich noch über die seltsame Frage wundere und mich frage, ob ich ausführlicher ins Detail gehen muss, fängt er an zu lachen. 99 Prozent der Menschen, so erklärt er mir dann, hätten nun dargelegt, ob sie Äpfel schneiden oder schälen. Und das wollte er auch eigentlich von mir wissen. Ich komme mir dumm vor.

Er bleibt lange bei dem Thema Essen. Ich fühle mich an die Situationen zu Hause erinnert, an endlose Diskussionen: „Andere Sachen schmecken auch“ oder „Probier doch einfach mal was Neues“, hieß es da häufig. Dabei mag ich die Sachen, die ich esse. Ich kenne sie. Weiß, wie ich sie zubereiten muss, wie sie schmecken, wie sie riechen. Sie sind ein fester Bestandteil, etwas Geordnetes. Ob ich das Essen genieße, will er wissen. Ich verneine. Es ist eine Notwendigkeit, auf die ich verzichten würde, wenn ich es könnte. Aber die Biologie verbietet es. So einfach ist das. Er scheint das anders zu sehen.

Platon:

Das Gespräch ist schleppend, manchmal geht es besser, manchmal scheint es festgefahren, verzettelt. Das liegt an mir, ich kann mich nicht klar und präzise ausdrücken, zumindest nicht immer so, wie ich es gerne möchte.

Hinzu kommt ein diffuses Gefühl, eine Vermutung. Autismus? Ja, aber da scheint noch mehr zu sein, die einzelnen Teile passen noch nicht zusammen. Ich habe noch kein Gesamtbild. Gibt es Widersprüche? Ich verlagere deswegen meine Fragen unvermittelt in neue Themen, springe zurück, weil mir zu bereits besprochenen Dingen noch Informationen fehlen. Ich merke, wie ich teilweise ins Trudeln gerate, meine Gedanken meinen Verstand überholen. Ich suche fehlende Puzzleteile, fehlende Verbindungsstücke, die Klarheit bringen. Komme aber irgendwie nicht weiter.

Die Sitzung ist jetzt schon zeitlich enorm überzogen. Und ich suche immer noch nach Ansatzpunkten. Ich bin tiefer in ihre Welt eingedrungen, habe aber mit jedem weiteren Schritt wieder neue Fragen.

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