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Die zweite Sitzung – Teil I

04 Jan

Sophie:

Der Parkplatz ist frei. Der Parkplatz, auf dem ich auch in der vergangenen Woche stand. Er hat Potenzial, „mein“ Parkplatz zu werden. Sollte ich öfter kommen, wird es mein Parkplatz.

Ich bin wieder zu früh. Und wieder warte ich im Auto. Mit Blick auf die Uhr.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 Uhr drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Wieder das blaue Blinken, das ich irgendwie mag. Der Philosoph öffnet die Tür, erstaunlich schnell. Kein Händereichen, das sagte er bei der vergangenen Sitzung. Ob er sich daran erinnert? Oft sagen Menschen Dinge, die sie dann schnell wieder vergessen. Oder sie sagen Dinge, die sie nicht so meinen, wie sie sie sagen. Ob das mit den Berührungen genau so ist? Er sagt nur „Hallo Sophie“. Ich finde es immer seltsam, wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde. Ich kann ihn nicht mit mir in Verbindung bringen. Noch befremdlicher finde ich es, wenn ich andere Menschen mit Namen ansprechen muss. In Briefen oder Emails kann ich dieses Befremden ignorieren, bei meinem direkten Gegenüber aber nicht. Meistens versuche ich, die Ansprache mit dem Namen zu vermeiden. Habe Ausweichstrategien, um Namen zu umgehen. Also sage ich nur „Hallo.“

Platon:

Ich habe diesmal den Termin an das Ende des Tages gelegt. Damit das Gespräch nicht irgendwann abgebrochen werden muss, kein Zeitdruck entsteht.

Den Schreibtisch habe ich schon gestern aufgeräumt. Mir fällt auf, dass ich mit einem etwas veränderten Blick mein Büro betrachte, vor allem das Bücherregal. Und den ganzen anderen Krams. Mir fällt jetzt auch auf, dass der Straßenlärm stört, trotz geschlossener Fenster. Ich bin etwas angespannt.

Sie ist pünktlich. Auf die Minute.

Ich bitte sie herein, es gibt keine Berührung, kein Handreichen. Ich bitte sie, sich zu setzen. Ich setze mich, warte einige Sekunden, sage dann: „Fühlen Sie sich sicher und entspannt“. Ich meine, ein Lächeln zu erkennen.

Sophie:

Erste Tür rechts. Linker Hand das Aquarium. Das Chaos-Regal an der Wand. Rechts der Chaos-Schreibti… nein. Der Schreibtisch. Aufgeräumt, fast leer. Binnen Sekunden gleicht sich das aktuelle Bild mit dem Bild ab, das ich in der vorigen Sitzung sah. Wie zwei halbdurchsichtige Fotografien, die man übereinanderlegt. Es fehlen viele Sachen. Und der Schreibtischstuhl steht falsch. Die logarhitmische Spiral-Muschel ist nicht zu sehen. Am liebsten würde ich den Stuhl wegrücken, denn ich mag die Muschel. Sie ist ein fester Punkt im Raum, ein Fixpunkt. Und jetzt ist sie verdeckt. Genauso wie die Schachfiguren. Am Schreibtischbein finde ich einen hellen Punkt, eine weiße Macke im Holz. Neuer Fixpunkt. Ausweichfixpunkt. Etwas, an dem die Augen hängen bleiben können. So kann ich mich auf das konzentrieren, was ich höre.

Ich mag die Schuhe des Philosophen nicht. Es sind nicht die selben wie vergangene Woche. Diese Schuhe sind dunkler und irgendwie – alltäglich. Der abgerissene Schnürsenkel fehlt. Die Schuhe habe er von Aldi. Ob ich auch bei Aldi einkaufe? Ich weiß nicht, was er von mir will. Rette mich in irritiertes Schweigen, hoffe, dass die Situation vorüber geht. Er steht auf, geht durch den Raum. Wo will er hin? Nirgendwo. Er gehe einfach gerne mal durch den Raum und mache nicht vorhersehbare Dinge, sagt er. Ein bisschen seltsam ist er schon.

Platon:

Sie schaut sich intensiv im Büro um. Ist sie irritiert? Nicht zu erkennen. Sie sagt: „Sie haben den Schreibtisch aufgeräumt.“ Ich sage: „Ja, weil Sie heute wieder da sind.“ Ihre Augenbrauen heben sich leicht an. Sie blickt sich weiter um. Dann sagt sie mir, welche Dinge auf dem Schreibtisch fehlen, zum Beispiel zwei Teelicht-­Gläser. Ich frage nach weiteren Dingen. Ja, sie hat sich alles gemerkt. Auch meine Schuhe. Ich hätte jetzt andere Schuhe an. Die Schuhe vom letzten Mal hätten ihr besser gefallen. Da wäre auch ein Schnürsenkel abgerissen gewesen. Stimmt. Ich hatte nur einen einfachen Doppelknoten gemacht. Ich sage, dass ich die Schuhe bei Aldi gekauft habe. Sie reagiert darauf, ich kann es aber nicht genau deuten. Ich verzichte jetzt auf eine Nachfrage.

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9 Antworten zu “Die zweite Sitzung – Teil I

  1. Ismael Kluever

    4. Januar 2014 at 13:52

    @Sophie:
    Du schreibst: „Ich finde es immer seltsam, wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde. Ich kann ihn nicht mit mir in Verbindung bringen. Noch befremdlicher finde ich es, wenn ich andere Menschen mit Namen ansprechen muss.“
    Kannst du dieses Befremden gegenüber Personennamen (deinem eigenen und denen anderer) genauer beschreiben?
    Was hält dich ab, sie zu benutzen?
    Wie wirkt es auf dich, mit „Sophie“ angeredet zu werden, außer das es „seltsam“ ist?

     
    • dualessein

      4. Januar 2014 at 14:00

      Hallo,

      Namen sind für mich Worte ohne Sinn. „Scheinbegriffe“, würde wohl Rudolph Carnap sagen („Hat ein Wort eine Bedeutung, so pflegt man auch zu sagen, es bezeichne einen ‚Begriff‘; sieht es nur so aus, als habe das Wort eine Bedeutung, während es in Wirklichkeit keine hat, so sprechen wir von einem ‚Scheinbegriff‘.“). Es wird etwas benannt, was aber eigentlich nicht ist, das Wort hat keinen Sinn. So geht es mir mit Namen – genausogut könnte ich jemanden als „Buggelbu“ bezeichnen.
      Hilft das weiter?

       
      • Ismael Kluever

        4. Januar 2014 at 14:23

        Ja, ich begreife, was du meinst. Auch wenn mir philosophische Definitionen nicht so eingehen wie praktische Erfahrungen 😉 .
        Sicher haben Personennamen nicht „von Natur aus“ eine Bedeutung. Oder, wenn man ihrer Etymologie nachgeht, eine irreführende (Susanne: Frau aus der persischen Stadt Susa usw.).

        Ich selbst verknüpfe Namen schnell mit meinen Eindrücken von der jeweiligen Person (oder dem Millieu, in dem mir der Name begegnet) und fülle sie so mit „Inhalt“. Das ist bei dir offensichtlich nicht so. Oder?

         
      • dualessein

        4. Januar 2014 at 18:55

        Ich bleibe eher an für mich klar identifizierbaren „äußerlichen“ Eigenheiten, anhand derer ich die Person einordne. Das hat dann aber mit dem Namen nichts zu tun. Daher ist beispielsweise Platon für mich eher „der Philosoph“. Hat jemand eine besondere Auffälligkeit, anhand derer ich ihn erkenne, so wird diese Auffälligkeit quasi der „Ersatzname“, über den ich mir dann erst – wie in einem Vokabelheft – den „Scheinnamen“ nachschlagen muss. Wenn mir jemand etwas von einem „Ismael“ erzählt, ist das für mich relativ nichtssagend. Dein Profilbild mit den Steinen hingegen hilft mir, dich klar einzuordnen. Ergo bist du der „Steinmann“ und erst die Übersetzungsmatrix lässt daraus „Ismael Kluever“ werden. Ansprechen würde ich dich aber im direkten Kontakt wohl weder mit dem einen noch mit dem anderen.

         
      • marina

        4. Januar 2014 at 16:58

        Liebe Sophie, Ich bin mir sehr sicher, dass Platon nicht negativ darauf reagieren wird, wenn du ihm mitteilst, dass du Fixpunkte brauchst und du die Muschel als angenehm empfindest. Das ganze ist ein Beduerfnis, das dir Sicherheit verschafft und Platon versucht gerade mit Haenden und Fuessen eine fuer dich sichere Atmosphaere zu schaffen. Mit den Namen bin ich wahrscheinlich wie von einem anderen Stern fuer dich. Sie sind fuer mich sehr pflegenswerte Begriffe, die einen liebenswerten Menschen benennen, ihm etwas individuelles verschaffen und es mir ermoeglichen ueber ihn/sie als Person und Persoenlichkeit zu denken. – kannst du ein wenig nachvollziehen wovon ich spreche? Ich wuensche dir einen guten Tag

         
      • dualessein

        4. Januar 2014 at 19:08

        Nein, das macht er auch nicht. Zwischenzeitlich kennt er meine Fixpunkte im Raum.

        Was die Namen angeht: Ich halte sie für austauschbar. Den Namen „Marina“ gibt es viele Male, ebenso wie all die anderen Namen. Sie sind austauschbar, beliebig und auch nicht mit der Persönlichkeit verknüpft, weil sie von den Eltern meist schon ausgesucht wurden, bevor sie die Persönlichkeit ihres Kindes überhaupt kannten. Sie haben im alltäglichen Kontext wohl einen sozialen Bezug (das meinst du wahrscheinlich auch?), der mir jedoch nicht einleuchten will. Eine „Marina“ aus Dortmund kann ein komplett anderer Mensch sein als eine „Marina“ aus Berlin. Ich bezeichne einen Stuhl als Stuhl, weil klar definiert ist, was ein Stuhl ist. Manche Dinge sind nicht definiert, es gibt keine Begriffe dafür – dann muss ich aus den vorhandenen, ungenauen Sprachmitteln einen Begriff schaffen, der einigermaßen passend ist. Dann gibt es wieder Begriffe, die sind definiert, passen aber nicht zu dem Ding, das sie bezeichnen. Auch hier suche ich dann für mich nach einem „passenden“ Begriff. Mit Namen agiere ich ähnlich – ich suche für die Menschen, mit denen ich zu tun habe, eine „passende Bezeichnung“, damit ich sie für mich zuordnen kann. Diese Bezeichnungen kann ich aber im Alltag kaum verwenden, also muss ich sie – wenn sich eine direkte Ansprache der Person gar nicht vermeiden lässt – erst mühsam in den „falschen Namen“ übersetzen. Aus dem Grund haben meine Tiere auch keinen Namen. Der Kater heißt einfach „Kater“. Für mich ist er genau so erkennbar und individuell.
        Genau so ist es auch mit meinem eigenen Namen. Ich weiß, wie er lautet, kann ihn mir aber nicht zuordnen. Es ist ein „Scheinbegriff“, der nicht deckungsgleich ist mit dem, was ich als „ich“ empfinde. Ist das verständlich?
        Dir auch einen guten Tag.

         
  2. Mueller7de

    5. Januar 2014 at 12:40

    Mir sind 2 Dinge aufgefallen:
    1. Sinnloses Umherlaufen: So seltsam finde ich das nicht. Wenn ich sitze und denke, dann geraten die Gedanken auf eingefahrene Gleise. Erst durch physische Bewegung kann ich meinen Geist dann wieder „flott machen“. Gleiches gilt für emotionale Bewegung. Wenn ich zu aufgeregt werde, dann hilft es mir, im Zimmer umherzulaufen. Da ich die Dinge kaum noch sehe, definiere ich kleine Ziele, also „Schrank“ oder „Kaffee eingießen“. In Wirklichkeit geht es aber um das Laufen zur Beruhigung.
    2. Kategorie „Scheinbegriff“: Vielen Dank für das für mich neue Wort! Jetzt kann ich, wenn ich mal wieder ein Wort/einen Namen nicht finde „nachschauen“, ob es durch die abnehmende Hör- und Sehwahrnehmung für mich zu einem Scheinbegriff geworden ist und muss nicht mehr endlos suchen und zittern, ob ich nun total verblöde.
    Wie kommt es dazu? Ich kann Menschen schon lange nicht mehr durch sehen oder hören unterscheiden. Es muss immer ein Label, der Name, drangeklebt werden. Das Label hält aber nicht, weil es keine sonstigen Eigenschaften gibt, die ich verbinden kann. Oft stehen nur ein paar Äußerungen im Raum und ich kann mir das Label nicht mehr merken. Ich versuche es jetzt mit dem Konzept „Ismael“ Steinmann. Mal schauen, ob es für mich auch funktioniert. 🙂

     
  3. LaLoba

    19. Mai 2014 at 8:35

    Liebe Sophie,

    deinen ursprünglich zitierten Kommentar
    “Ich finde es immer seltsam, wenn ich mit meinem Namen angesprochen werde. Ich kann ihn nicht mit mir in Verbindung bringen. Noch befremdlicher finde ich es, wenn ich andere Menschen mit Namen ansprechen muss.”
    kann ich sehr gut nachvollziehen, bei deinen Erklärungen allerdings wurde ich dann doch ein wenig stutzig, weil ich es teilweise anders empfinde.

    Was mir gerade auffällt, ich habe kein Problem damit, dich hier im Kommentar mit deinem Blognamen anzusprechen. Vielleicht, weil ich das so gelernt habe, wenn man sich schriftlich mit anderen Personen verständigt, dann fügt man eine Begrüßungszeile ein.
    Vielleicht aber auch, weil ich damit bestätige, dass ich dich als diejenige Person anerkenne, die du hier im Blog sein möchtest, deren Facetten wir hier unter dem Namen Sophie kennen lernen.
    Vielleicht hast du noch andere Persönlichkeitsmerkmale, von denen wir im Internet nicht direkt erfahren, und Sophie ist eben ein Teil von dir, und diesen spreche ich mit diesem Kommentar an.

    Für mich haben Namen gleichzeitig zu viel und zuwenig Bedeutung.
    Zuwenig in dem Sinne, wie du das schon beschrieben hast.
    Zuviel aber, weil die Person, die meinen Namen ausspricht, ihn während des Sprechens mit Bedeutung überlädt, mit viel zu viel Bedeutung. Und sehr wahrscheinlich nimmt sie meine Person anders wahr, als ich sie selber wahrnehme, und wenn sie mich dann anspricht, dann drückt sie mir ihr Bild von mir auf und ich fühle mich einen kurzen Moment lang überfordert, wie erstickt. Und die Nennung meines mir eindeutig zugeordneten Namens rückt mich so unangenehm in den Mittelpunkt, nimmt mir meine sichere Undefiniertheit. Dieses „solange ich gar nichts bin, kann ich nicht falsch sein“.
    Namen überfordern mich.

    Ich vermeide es auch, andere Menschen mit Namen anzusprechen.
    Das lädt die Situation immer so mit Wichtigkeit auf, die sie nicht haben soll, und sendet im unsichtbaren Bereich so viele Bilder hin und her, was ich von dem anderen denke und er von mir, dass ich vom Inhalt abgelenkt werde.

    ________________________________

    Ansonsten, vielen lieben Dank für diesen gemeinsamen Blog, ich finde es wunderschön geschrieben und es bietet mir gleichzeitig Erklärung und neuen Stoff zum Nachdenken.
    Und beim Lesen erfahre ich sehr viel über mich selber, weil ich ständig meine Wahrnehmung mit deiner und Platons vergleiche und versuche, mich selber einzuordnen.
    Danke 🙂

     
    • dualessein

      19. Mai 2014 at 17:07

      Hallo,

      danke für das Lob.

      Ich fand deine Ausführungen zum „beim Namen nennen“ sehr interessant, weil das wiederum etwas ist, was ich so noch nicht betrachtet habe. In Briefen und Mails ist die Anrede tatsächlich für mich eine Art „stereotype Einleitungsformel“, ebenso wie der Schluss. Aber ein Name ist für mich so etwas wie ein „Unsinn-Wort“. Es ist eine Aneinanderreihung von Buchstaben, die aber formal gesehen keinen Sinn ergibt. Sie bezeichnet eine Person X und ordnet sie ein, hat für mich aber nichts mit der Person an sich zu tun. Der Name folgt auch keiner logischen Struktur, fasst also zum Beispiel bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zusammen. Zwei Personen mit dem Namen „Kai“ können komplett verschiedene Charaktere sein. Beim Namen genannt zu werden (das praktiziert der Philosoph gerade exzessiv, und ich glaube auch nur, weil es ihm Spaß macht…) und andere beim Namen nennen löst eher ein Gefühl des Befremdens aus. So, als würde ich ein Auto mit „Wubbeldubb“ bezeichnen.
      Die Wahl des Namens „Sophie“ erfolgte nach rein formalen Kriterien vor der Entstehung dieses Blogs. Also ist auch das ein Name bzw. ein Pseudonym, das ich zwar trage, das ich aber gefühlsmäßig nicht mit mir in Verbindung bringe – also quasi der gleiche Effekt wie bei meinem realen Namen. Spannend fände ich jetzt, inwiefern der Philosoph den Namen „Platon“ bzw. die Bezeichnung „Philosoph“ mit sich assoziiert.

       

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