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3. Nachricht von Sophie an Platon

02 Jan

Sophie:

„Sehr geehrter Platon,

mir ist bewusst, dass es sich um einen Verdacht handelt. Des Weiteren habe ich zwischenzeitlich gelesen, dass es sich bei Autismus um eine sogenanten ‚Ausschlussdiagnose‘ handelt. Inwiefern eine Verdachtsdiagnose für mich ausreichend sein wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, eventuelle Fachstellen zu bemühen und Kapazitäten in Anspruch zu nehmen, so lange der Verdacht nicht eindeutig begründet bzw. andere Ursachen ebenso eindeutig ausgeschlossen werden konnten. Unter dem Gesichtspunkt stellt sich für mich natürlich auch die Frage, inwieweit meine Eigenrecherchen sinnvoll sind. Ich neige dazu, mich sehr in Themen zu verbeißen und dann sehr tief in die Materie einzudringen. Anders als bei meinen sonstigen thematischen Schwerpunkten bleibe ich jedoch diesmal nicht neutral außen vor, sondern stecke quasi mittendrin. Inwiefern das dann den Blick eher trübt statt Klarheit bringt, kann ich nur schwer beurteilen. Ein von außen greifendes Korrelat halte ich hier nicht nur für sinnvoll, sondern sogar für notwendig.

Was den Schulpsychologischen Dienst angeht, war das eine Maßnahme, zu der ich seitens der Schule nach meiner Nichtversetzung mehr oder weniger genötigt wurde. Meine Eltern wurden in diesen Prozess nicht eingebunden und so lange außen vor gelassen, bis sie selbst aktiv eingriffen. Ich für meinen Teil habe dem aber vorerst keine große Bedeutung gegeben. Ich war der Meinung, wenn ich mich etwas mehr anstrenge, würde das schon irgendwie klappen. Mir selbst war das damals, um ehrlich zu sein, alles ziemlich egal. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben.

Ob die Auffälligkeiten wirklich als ‚Symptome‘ wahrgenommen wurden, wage ich zu bezweifeln. Ich war weder ein ’normales‘ Kind noch ein ’normaler‘ Jugendlicher, die einen werteten das als ‚Verzogenheit‘, die anderen als gezielte Provokation. Besser wurde es erst in der Oberstufe, als ich einen neuen Lehrer  bekam. Er hat immer schon frühzeitig eingegriffen und verhindert, dass Situationen aus dem Ruder laufen. Und mir teils sehr genau erklärt, warum die Menschen in meiner Stufe so reagieren, wie sie reagieren. Und was an meiner Reaktion oder eben an meiner Nicht­-Reaktion ungünstig war.

Ähnlich hat auch mein Vater oft agiert. Mein Vater und ich sind in der Hinsicht recht ähnlich, er kann daher viele Dinge leichter nachvollziehen, die meiner Mutter ein Rätsel waren oder sind.

In Bezug auf die sechs Punkte, die Sie mir nannten, halte ich es für sinnvoll, den Punkt 2 einem möglichen Punkt 1 vorzuziehen. Punkt 3 geht, vermute ich einmal, mit den beiden vorigen Punkten so oder so einher? Dem 4. Punkt kann ich zustimmen, darin eingeschlossen wäre, wenn ich das richtig verstanden habe, auch Punkt 6. Bei Punkt 5 bin ich zugegebenermaßen etwas ratlos.

Es ist richtig, dass mir das Schriftliche wesentlich leichter fällt als eine direkt­verbale Situation. Allerdings ist mir klar, dass ich wenig gewinne, wenn ich nur mit dem Instrument übe, das mir sowieso vertraut ist.

Um ehrlich zu sein möchte ich weder die ‚Sonderbare‘ noch die ‚Besondere‘ sein. Ich wäre froh, wenn ich nicht mehr in Situationen komme, in denen ich mich erklären muss, Unverständnis ernte und umgekehrt nicht verstehe, warum die Dinge aus dem Ruder laufen. Bislang habe ich keine Kontinuität über drei Jahre hinaus geschafft. Langfristig würde ich gerne irgendwo ankommen. So, dass ich nicht irgendwann wieder weg muss.

Mit freundlichen Grüßen

Sophie“

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2. Januar 2014 in Alltägliches, Briefe

 

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Eine Antwort zu “3. Nachricht von Sophie an Platon

  1. denkendertraum

    2. Januar 2014 at 15:40

    „Besser wurde es erst in der Oberstufe, als ich einen neuen Lehrer bekam. Er hat immer schon frühzeitig eingegriffen und verhindert, dass Situationen aus dem Ruder laufen. Und mir teils sehr genau erklärt, warum die Menschen in meiner Stufe so reagieren, wie sie reagieren. Und was an meiner Reaktion oder eben an meiner Nicht­-Reaktion ungünstig war. “

    Das hat ein Lehrer, der früher in der Psychatrie gearbeitet hatte, ähnlich gemacht. Aber auf eine andere Art und Weise. Er hat mir deutlich vor Augen gestellt, mit einem Kommentar, was wohl weniger Intelligente Menschen, bzw. die meinen Humor nicht verstehen, meine Art und Weise auffassen könnten – jedenfalls nicht positiv… „Sie wissen schon, dass bei Menschen, die Ihren Humor nicht verstehen, nicht gut auf Sie reagieren werden?“
    Na Und- was interessieren mich andere? Diese „Super-Coolen-Deppen-Voll-Cras-Jugendlichen“ (die damit gemeint waren) brauche ich für mein Leben nicht beachten.

    „mir ist bewusst, dass es sich um einen Verdacht handelt. Des Weiteren habe ich zwischenzeitlich gelesen, dass es sich bei Autismus um eine sogenanten ‘Ausschlussdiagnose’ handelt.“

    Stimmt so insgesamt nur bedingt. Das hängt von Diagnose zu Diagnosestelle ab.
    Ich habe keinerlei Ausschlusskriterien gehabt, – im Grunde ist es aber auch egal – es geht darum, wenn benötigt – Hilfe bekommen zu können (die ich bisher nicht in Anspruch nehme (muss).
    Um Hilfe zu bekommen, braucht man Diagnosen in Deutschland. Oder anderen Ländern. Ist eben so.

    Man sollte sich aber viel mehr Fragen, warum man die Diagnose braucht.

    Zum Thema

    „Um ehrlich zu sein möchte ich weder die ‘Sonderbare’ noch die ‘Besondere’ sein. Ich wäre froh, wenn ich nicht mehr in Situationen komme, in denen ich mich erklären muss, Unverständnis ernte und umgekehrt nicht verstehe, warum die Dinge aus dem Ruder laufen. Bislang habe ich keine Kontinuität über drei Jahre hinaus geschafft. Langfristig würde ich gerne irgendwo ankommen. So, dass ich nicht irgendwann wieder weg muss.“

    Sehe ich vollkommen anders.

    Ich nerve meine Umwelt von Anfang an damit. Ich sage bei allen Vorstellungen (z.B. bei der neuen Klasse, Arbeitsstelle (Praktikumsstelle) Klipp und Klar woran sie sind bei mir.

    Es liegt im weiteren Verlauf dann nicht mehr an mir, was passiert. Entweder man nimmt sich diesen Umständen an, oder eben nicht. Trotzdem wird es immer wieder Situationen geben, die nicht optimal, oder ganz und gar negativ verlaufen. Das kann auch eine Diagnose nicht verhindern. Wenn man als nur eine Diagnose braucht, um dies zu verhindern, kann man es gleich sein lassen. Es wird immer zu skurilen und komischen Situationen kommen.

    Und erklären wird man sich auch immer. Zumindest am Anfang, bis man zeigen konnte, das man auch irgendetwas „richtig kann“ und „stärken“ hat. Außer man betont dies schon im Vorstellungsgespräch, am besten mit einem Word-Dokument wo Negatives und Positives aufgelistet ist.

    Das habe ich gemacht am Anfang meiner Ausbildung im Moment. Ich habe meiner Klassenlehrerin zwei Seitenlange Auflistung gegeben – entweder sie geht damit ordentlich um, oder eben nicht. Liegt nicht in meiner Verantwortung. Obwohl sie jedes Mal bei Praxisbesuchen meint, dass sie einen solchen Schüler noch nie hatte – Autisten und sozialer Bereich ist eben eher selten.

    Aber, worauf ich hinaus will – man muss selbst erst einmal wissen, was man will. Da hilft einem auch keine Diagnose bei.

    Wobei gerade diese Phase der Vordiagnose doch eigentlich massiv dazu beiträgt, sich selbst kennen zu lernen.

    rdos.net/de

    Auch wenn online – Tests niemals das wahre Bild widerspiegeln.

    Bei der Diagnosestellung geht es nicht um eigene Eindrücke, bzw. nur zum Minimalen Teil.

    Autismus kann man nicht abstellen, überlisten, oder wie auch immer. Daher gibt es da wohl auch kaum Fehldiagnosen, bei professionellen Diagnostikstellen.

    Gerade die Interaktionstests die dort gemacht werden, kann man, wenn man wirklich autistisch Veranlagt ist, nicht überlisten. Schon gar nicht, wenn es das aller erste Mal ist, dass man diese macht.

    Aber, es muss eben jeder selbst entscheiden, was einem diese Diagnose bringt und dann auf zur Diagnostik – bzw. eben nicht. Das kann einem keiner abnehmen die Entscheidung.

     

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