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3. Nachricht von Platon an Sophie

31 Dez

Platon:

„Sehr geehrte Sophie,

Autismus ist noch ein Verdacht. Traumatisierungen und andere Ereignisse können ebenfalls zu ähnlichen Symptomen führen. Vor diesem Hintergrund sollten Sie Ihre Recherchen zunächst einordnen.

Die genaue ­ und anerkannte ­ Diagnostik ist schwierig, gerade im Erwachsenenalter. Ich wollte hier einen 20jährigen Mann nach der Verdachtsdiagnose testen lassen. Wir haben aber bis heute keine Anlaufstelle in dieser Gegend gefunden, die autorisiert ist und die Kompetenz besitzt, derartige Untersuchungen durchzuführen. In anderen Bundesländern gibt es offenbar deutlich bessere Möglichkeiten.

Eine Frage für Sie wird lauten, ob Ihr Selbststudium und die Verdachtsdiagnosen erst einmal für Sie ausreichend sind, oder ob Sie „offiziell“ Klarheit haben möchten.

Auch ich bin kein Freund von Esoterik, da gebe ich Ihnen Recht.

Mich wundert es, dass bisher noch niemand, insbesondere der Schulpsychologische Dienst, das Thema „autistische Symptome“ mit Ihnen oder mit Ihren Eltern zur Sprache gebracht hat. Ob nun tatsächlich Autismus dahinter verborgen ist, ist ja grundsätzlich eine weitere Frage. Denn die Symptome waren, ­ wenn ich Ihre Erzählungen richtig verstanden habe ­ ja schon immer da.

Ich kann Ihnen folgende Angebote für eine Unterstützung anbieten:

1. Falls Sie eine genaue Diagnose wünschen, kann ich Ihnen dabei behilflich sein. Sie oder ich würden die zuständige Stelle auswählen, Sie oder ich würden damit Kontakt aufnehmen, ich könnte Sie dorthin begleiten, ich könnte Ihnen bei den vielen Fragebögen behilflich sein.

2. Ich könnte Ihnen beim Ausschluss anderer Ursachen behilflich sein. Dieser Punkt ist wichtig, um nicht vielleicht andere Ursachen, die ebenfalls dringend bearbeitet oder behandelt werden müssen, zu übersehen.

3. Begleiterscheinungen bzw. weitere Störungen (sogenannte Komorbiditäten) sollten in den Blick genommen werden. Auch dass ist wichtig, zum Beispiel wenn sich parallel eine depressive Verstimmung entwickelt hat. Auch dabei könnte ich ihnen u.a. durch eine umfangreiche Anamnese Unterstützung bieten. Eventuell müssten auch weitere Fachärzte mit einbezogen werden

4. Ich könnte Ihnen zur Seite stehen, wenn Sie das Chaos in ihrem Kopf zu sortieren versuchen und mit vielen Fragezeichen in die Zukunft blicken. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf Ihre „ausgearbeiteten Fahrpläne“ und Ihre Reaktionsmuster gelegt werden. Ich könnte dabei ein neutraler Trainingspartner für Sie werden, um unterschiedliche soziale Situationen so zu trainieren, dass Sie und Ihre Mitmenschen damit besser klarkommen. Ich würde dabei versuchen, Sie und Ihre Wahrnehmung bestmöglich zu verstehen und Ihnen als Übersetzer die Wahrnehmung Ihrer Mitmenschen entsprechend vermitteln. Theoretische und konzeptuelle Grundlagen sind dabei die Ansätze der klientenzentrierten Gesprächsttherapie und der Verhaltenstherapie.

5. Ein ganz wichtiger Punkt sind Ihre besonderen Fähigkeiten. Hier wären folgende Fragen von besonderer Bedeutung: Wie können Sie Ihre Fähigkeiten am besten einbringen? Wie können Sie Ihre Zukunft so gestalten, dass es Ihren Bedürfnissen und den Anforderungen der Gesellschaft gleichermaßen entspricht?

6. Ich könnte versuchen, all die vielen Fragen, die sich bei Ihnen im Laufe der Jahre angesammelt haben, zu beantworten.

Obwohl ich bisher sehr wenig schriftlich mit meinen Klienten kommuniziert habe, würde ich bei Ihnen eine Ausnahme machen. Im Gegenteil, Sie können sich vermutlich per Schriftsprache besser mitteilen als in der sozialen Situation. Sobald aber auch Ihre sozialen Fertigkeiten trainiert werden sollen, wären persönlich Treffen ratsam.

Ja, ich bin optimistisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass aus der „Sonderbaren aus dem letzten Büro“ die „Besondere aus dem letzten Büro“ wird.

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.

Mit sonnigen Grüßen

Platon“

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2 Kommentare

Verfasst von - 31. Dezember 2013 in Alltägliches, Briefe

 

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2 Antworten zu “3. Nachricht von Platon an Sophie

  1. Ismael Kluever

    1. Januar 2014 at 1:15

    „Ja, ich bin optimistisch. Ich kann mir gut vorstellen, dass aus der “Sonderbaren aus dem letzten Büro” die “Besondere aus dem letzten Büro” wird.“

    Was für ein wunderbarer Satz! 🙂

     
    • marina

      1. Januar 2014 at 16:58

      Ja, da kann ich ismael nur zustimmen. Ich finde platon schafft eine sehr behutsame, einladende Atmosphaere und das Angebot zum Schriftverkehr wird eine gut Option sein um dinge klarer auszudruecken…

       

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