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2. Nachricht von Platon an Sophie

28 Dez

Platon:

„Sehr geehrte Sophie,

jetzt kann ich Ihnen etwas ausführlicher antworten.

Eins vorweg: die von Ihnen zu Recht als diffus bezeichneten Kriterien sind der Versuch, anhand von Symptomen ein Kategoriensystem aufzubauen. Das soll dann allen beteiligten Institutionen (Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen etc.) helfen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen.

In der Theorie klingt das gut, in der Praxis gibt es damit allerdings Probleme. Zum einen sind die meisten Symptome, zum Beispiel Konzentrationsstörungen, in unterschiedlichen Kategorien zu finden, zum anderen liegt es immer im Ermessen, inwiefern und in welcher Ausprägung einzelne Symptome für die Beurteilung herangezogen werden.

Darüber hinaus gibt es häufig Mischformen und fließende Übergänge, niemand kann genau sagen,ab wann ein Störungsbild beginnt. Daher gibt es auch so große Unterschiede in der Bestimmung der Epidemiologie, also der Auftrittshäufigkeit von Störungen innerhalb der Bevölkerung. Sehr häufig wird zum Beispiel traumatisierten Kindern und Jugendlichen AD(H)S diagnostiziert. Dann bekommen diese Kinder über Jahre Pillen verordnet und werden ruhig gehalten, und die Ursachen verfestigen sich.

Auch Autisten wird häufig AD(H)S attestiert. Diesen Kindern wird dann Bösartigkeit, Faulheit und Unkonzentriertheit vorgeworfen. Niemand sieht, dass die Kinder über Jahre für Verhaltensweisen bestraft werden, die sie selber nicht verstehen und beurteilen können, ja sogar aus ihrer Sicht haben diese Kinder richtig reagiert. Große Frustration und Abkehr ist dann die nur verständliche Folge.

Diese Kategoriensysteme sind von Menschenhand gemacht und daher künstlich. Gerade im Bereich Autismus hat man bemerkt, dass die Definitionen den Betroffenen nicht immer gerecht werden. Hier sind tatsächlich einige Dinge im Umbruch.

Für Sie ist doch letztlich entscheidend, welche Beeinträchtigungen Sie selbst verspüren. Ob Sie nun Asperger oder Hochbegabt genannt werden, letztlich ist die Kategorisierung ein Konstrukt und eine Reduktion der Komplexität.

Ich würde mich weniger mit den Begrifflichkeiten, sondern mehr mit den zugrunde liegenden Ursachen beschäftigen.

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen: Sie sehen und erkennen die (soziale) Welt in einer anderen Art und Weise. Ihre Konstruktionen von den (sozialen) Dingen in der Welt stimmen nicht mit den Konstruktionen der meisten anderen überein. Da, wo andere intuitiv und gefühlsmäßig Übereinstimmungen und soziale Konventionen erkennen und anwenden, müssen Sie mühsam diese Konvention kognitiv erarbeiten und auswendig lernen.

Oft sind Sie vermutlich enttäuscht, wenn dann doch die mühsam erlernte Handlungsfolge bei den Mitmenschen durchfällt. Ihr Gehirn muss vermutlich täglich unglaubliche Leistungen vollbringen, um mit diesen für Sie sehr unstrukturierten und nicht verstehbaren sozialen Reizen klar zu kommen. Und genau hier liegt eventuell eine Möglichkeit, besseren Zugang zur anderen Welt zu finden.

Sie haben Recht, Verständnis bedeutet nicht verstehen. Sobald sie etwas mehr von den anderen verstehen, um so besser können Sie darauf reagieren. Und wenn andere Sie besser verstehen, dann werden die Mitmenschen ihr Verhalten entsprechend anpassen. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen.

Ist meine Einschätzung bis hier zumindest teilweise zutreffend?

Sie haben den großen Vorteil, dass System Sprache zu beherrschen, vermutlich besser als die meisten der Mitmenschen. Und hier liegt ein weiterer Schlüssel eines möglichen Erfolges. Es gibt eine Schnittmenge, eine gemeinsame Sprache.

Alleine wird das schwer, Sie produzieren nur immer wieder Ihre eigenen Wirklichkeiten, weil Sie immer wieder nach den gleichen Plänen konstruieren.

Ich möchte Ihnen Mut machen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie selbst sich bald so akzeptieren wie Sie sind und Sie ihre Stärken ausspielen können. Es ist auch möglich, dass Sie Ihre sozialen Kompetenzen verbessern können.

Ich hoffe, dass ich dass Chaos in Ihrem Kopf jetzt nicht noch größer gemacht habe. Ich könnte zu einzelnen Aspekten noch seitenweise mehr schreiben, will aber jetzt nicht gleich zu viel schreiben.

Ich würde mich freuen, wenn ich Sie in irgendeiner Form unterstützen kann.

Fragen von Ihnen beantworte ich gerne wieder per Email.

Beste Grüße

Platon“

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4 Kommentare

Verfasst von - 28. Dezember 2013 in Alltägliches, Briefe

 

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4 Antworten zu “2. Nachricht von Platon an Sophie

  1. Michael

    28. Dezember 2013 at 12:19

    Super text. Ich bin begeistert. Besser als so manches Fachbuch, das ich in den letzten Wochen gelesen habe.

     
    • dualessein

      28. Dezember 2013 at 16:13

      Das ist schön. Welche Fachbücher genau meinst du?

       
  2. Rina

    28. Dezember 2013 at 16:29

    „System Sprache“ gefällt mir 🙂 und der Überblick über das Konstrukt von Absicht und Zweck der Diagnose gefällt mir ebenfalls sehr gut! Vielen Dank!

     
  3. Anita

    2. März 2014 at 18:14

    Am besten gefällt mir an der Erläuterung von Platon

    Zitat: „Ihre Konstruktionen von den (sozialen) Dingen in der Welt stimmen nicht mit den Konstruktionen der meisten anderen überein.“

    Wenn ich anerkenne, dass es hier um Konstrukte geht, und die „Masse“ den Wert der Richtigkeit eines Konstruktes bestimmt, dann ist es für mich erklärlicher.

    Das Wort Konstrukt ist sehr stark. Danke

     

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