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1. Nachricht von Sophie an Platon

24 Dez

Sophie:

„Sehr geehrter Platon,

Bezug nehmend auf unser Gespräch melde ich mich noch einmal bei Ihnen.

Ich hatte in der vergangenen Nacht und während meiner Mittagspause Zeit, mich grob in die Thematik ‚Autismus‘ einzulesen. Zudem habe ich einige Bücher bestellt, da mir die Selektion dort leichter erschien als bei den ‚Informationen‘, die im Internet zu finden sind.

Um ehrlich zu sein hat die Internetrecherche mich eher verwirrt als Klarheit gebracht. Offenkundig ist der Begriff des Autismus­-Spektrums, wie Sie ihn verwendet haben, recht neu. Ich fand zusätzlich die Begriffe Asperger­-Syndrom und frühkindlicher Autismus, diese Unterscheidung ist mit der Einführung der Begrifflichkeit eines Spektrums aber nicht mehr aktuell?

Des Weiteren irritiert mich, dass die Kriterien an sich sehr diffus zu sein scheinen ­ oder täuscht das? Aufgefallen ist mir, dass die Meinungen sehr schwanken zwischen einer, wie Sie es bezeichneten, ‚Art zu sein‘ und einer ‚Behinderung‘. Ich konnte da keine einheitliche Linie erkennen. Vielmehr scheint es mir, dass selbst Experten im internationalen Raum sich uneins sind.

Einerseits erkenne ich nun, wieso Ihnen das Thema eingefallen ist. Gehe ich rein nach der Faktenlage und einigen biografischen Berichten, die ich überflogen habe, so fallen mir durchaus Parallelen auf. Mehr als mir lieb sind, um ehrlich zu sein.

Andererseits frage ich mich, wie ich mit dieser Information weiter verfahren kann und soll. Ich möchte es verstehen.

Sie sprachen davon, Menschen zu informieren, um Verständnis zu bekommen. Aber ich möchte nicht vom Verständnis anderer abhängig sein. Denn Verständnis setzt nur sehr bedingt echtes Verstehen voraus. Wie soll ich dem anderen etwas vermitteln, was ich selbst noch nicht richtig verstanden habe? Wie kann ich dem anderen etwas über mich mitteilen, wenn ich mich selbst bei jedem Satz frage, ob ich das wirklich bin?

Oder anders formuliert: Sicher ist es sinnvoll, wenn das Umfeld etwas versteht. Aber ist es nicht meine Aufgabe, etwas verstehbar zu machen? Im Moment wüsste ich nicht, wie das gelingen kann. Ich habe geglaubt, zwischenzeitlich gelernt zu haben, mich einigermaßen „anzupassen“, „unauffällig“ zu sein. Wenn ich nun bedenke, wie schnell Sie offenkundig auf einer sprichwörtlichen Spur waren, dann scheint mir, dass es da einen eklatanten Bruch gibt zwischen dem, wie ich mich wahrnehme und wie mein Umfeld mich wahrnimmt (oder auch nicht).

Wenn Ihr Verdacht zutreffen sollte, ­ was ich nach dem, was ich bislang las, insgeheim befürchte, ­ heißt das allerdings auch, dass es sich nicht ändern wird, sehe ich das richtig? Die Dinge bleiben, wie sie sind ­ mit all den Aspekten, die dazu gehören. Für mich hieße das, mich von dem Wunsch, dass es anders wird, zu verabschieden. Und das schreibt sich einfacher, als dass es getan ist. Zumal es letzten Endes meine Eingangsfrage: ­ ‚was will ich überhaupt wirklich?‘ ­ noch mal in ein ganz neues Licht stellt und gänzlich neue Fragen mit aufwirft. Ich wollte, dass einige Dinge aufhören, manches einfach ruhen kann. Nicht nach außen, auch für mich. Doch jetzt weiß ich nicht mehr, ob das überhaupt möglich ist.

Sie sagten ­ vorausgesetzt, dass ich Sie korrekt verstanden habe, ­ dass Sie dabei unterstützen könnten. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, das Chaos meiner vergangenen Stunden etwas zu sortieren. Aber ich glaube fast, dass ich es langfristig komplizierter mache, wenn ich es alleine versuche. Und ich möchte keine alten Fehler mehr wiederholen.

Mit freundlichen Grüßen

Sophie“

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4 Kommentare

Verfasst von - 24. Dezember 2013 in Alltägliches, Briefe

 

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4 Antworten zu “1. Nachricht von Sophie an Platon

  1. Ismael Kluever

    25. Dezember 2013 at 0:19

    „Sie sprachen davon, Menschen zu informieren, um Verständnis zu bekommen. Aber ich möchte nicht vom Verständnis anderer abhängig sein. Denn Verständnis setzt nur sehr bedingt echtes Verstehen voraus.“ […]
    „Sicher ist es sinnvoll, wenn das Umfeld etwas versteht. Aber ist es nicht meine Aufgabe, etwas verstehbar zu machen?“

    Liebe Sophie,
    diese Fragen treiben mich zur Zeit um, wenn auch aus der Perspektive eines NT in anderem Zusammenhang.
    Nach meinen ersten Kontakten mit einer Autistin habe ich mich auch versucht, im Internet schlau zu machen. Sicher, dort gab es viele Informationen, auch in leidlich übersichtlicher und zusammengefasster Form. Viel mehr als von lexikalischen Artikel habe ich jedoch vom persönlichen Austausch und von privaten Blogs profitiert. Obwohl die reinen Sachinformationen weitgehend die selben waren, haben mich die aus dem eigenen Erleben geschriebenen Berichte sehr viel intensiver berührt. Ob es eure (der Autisten) „Aufgabe“ ist, euch verstehbar zu machen, sei dahingestellt. Aber auf jeden Fall ist es ein sehr segensreicher Dienst, dieses zu tun. Durch dein persönliches Blog, durch diese Aktion hier und durch unseren direkten Austausch hast du selbst einen großen Anteil daran.
    Dafür, liebe Sophie, ganz herzlichen Dank!

    Ob es dadurch zu Verständnis und „echtem Verstehen“ (für mich ist beides das gleiche) kommt, mag ich nicht beurteilen. Vielleicht teilweise. Ich versuche zumindest, die Welt ein wenig „mit autistischer Brille“ zu sehen. Und mich dadurch in meiner konventionellen Sichweise in Frage stellen zu lassen. Aber ich stoße auch immer wieder auf Zeugnisse von Autisten, deren Angehörige offensichtlich nicht im geringsten versuchen, auf die besonderen Bedürfnisse ihrer autistischen Familienmitglieder einzugehen. Dabei ist es, wie oben geschildert, sehr einfach, sich zumindest ein paar Basisinformationen anzueignen. Wenn das mir, der ich nur am Rande wegen eines Chatkontaktes mit dem Thema in Berührung gekommen ist, ein Anliegen ist, wie sehr sollte das für Familienangehörige, Berufskollegen usw. gelten!

    Dass diese geringe Mühe manchen nicht selbstverständlich ist, macht mich ratlos.

     
  2. kiwigirl

    31. Juli 2014 at 10:27

    Sie sprachen davon, Menschen zu informieren, um Verständnis zu bekommen. Aber ich möchte nicht vom Verständnis anderer abhängig sein. Denn Verständnis setzt nur sehr bedingt echtes Verstehen voraus. Wie soll ich dem anderen etwas vermitteln, was ich selbst noch nicht richtig verstanden habe? Wie kann ich dem anderen etwas über mich mitteilen, wenn ich mich selbst bei jedem Satz frage, ob ich das wirklich bin?

    DANKE

     
    • Ismael Kluever

      1. August 2014 at 14:17

      Hallo kiwigirl,
      ich meine, dass sich das Verstehen – auch das Verstehen von sich selbst! – in einem Dialog entwickeln kann. Sowohl das Bild von uns selbst wie das vom Gesprächspartner sind bruchstückhaft, z. T. auch falsch. Aber dadurch, dass wir uns austauschen, einander fragen und uns auch infrage stellen lassen, bekommen wir einen neuen Blickwinkel und damit auch neue Einsichten.
      Jedenfalls wünsche ich mir das sehr!

       
  3. kiwigirl

    7. August 2014 at 21:23

    ich glaube auch das kommunikation eine sehr gute lösung für konflikte oder schwierigkeiten darstellt.
    dennoch ist es für mich schwierig, über dinge zu sprechen, die mir selbst noch nicht klar sind, vielleicht auch aus meiner vorliebe, die situation kontrolliert zu wissen.
    allerdings habe ich auch festgestellt, dass ich sehr viel mehr als meine mitmenschen (die mit denen ich mich kommunikativ austausche) selbst reflektiert bin, mir ist es häufig nicht möglich emotional an probleme oder schwierigkeiten ranzugehen, was nicht immer befriedigend ist. ich habe bei lösungsentwicklungen bei schwierigkeiten häufig das gefühl, warten zu müssen auf meine freunde, ich glaube das dies viel damit zusammen hängt, dass ich das wesentliche sehe und die emotionen häufig nicht oder zumindest nicht in lösungswegen.
    die kombination beider, welche optimal wäre, ist mir verwehrt.

     

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