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Zwischen Gedanken – Nach der ersten Sitzung

22 Dez

Sophie:

Ich bin wach. Draußen ist angenehme Dunkelheit. Und ich komme aus der Gedankenschleife nicht heraus. Diese Sitzung beschäftigt mich. Dieses Chaos, die Muschel, der abgerissene Schnürsenkel – und ein zutiefst verwirrender Typ Mensch. Ich bin verunsichert. Glaube nicht, dass er mich verstanden hat. Aber – und das ist neu – mir schien, dass er es versucht. Dass er versucht, zu verstehen. Wobei ich mich auch täuschen kann. Was mir sogar ziemlich häufig passiert.

Er war nicht unfreundlich. Zumindest nicht, dass es mir aufgefallen wäre. Aber suche ich jemanden, der freundlich ist? Ich wollte eine Richtlinie, stattdessen bekam ich ein Wort: Autismus. Es passt mir nicht. Ich kenne es als Schimpfwort. Es ist nichts Positives. Aber es setzt sich fest.

Platon:

Ich kann meine Gedanken nicht von dem Gespräch lösen. Ich habe über längere Phasen diese junge Frau unentwegt angeschaut. Ich kann mich jetzt aber nicht mehr erinnern, wie sie aussieht. Habe kein Bild vor Augen. Ich wüsste nicht einmal, wie sie angezogen war.

Ich bin Kommunikationswissenschaftler, ich interessiere mich für Gespräche. Am meisten dann, wenn etwas schief läuft. Jetzt ist alles schief gelaufen. Vielleicht nur fast alles. Mir fehlt jegliches Maß, ich kann nicht beurteilen, wie das Gespräch von ihr aufgefasst wird. Wie sie darüber denkt. Habe keine Ahnung. Darauf war ich nicht vorbereitet. Bin kalt erwischt.

Sophie:

Während ich das Internet durchforste, falten sich nach und nach einzelne Situationen ein. Bei manchem, was ich lese, sehe ich fast identische Situationen meiner Kindheit. Bei anderen Dingen denke ich wieder: Nein, das bist du nicht. Das kannst, darfst, sollst du nicht sein. Ich geistere durch Foren, Psychologie-Seiten, Lexika.

Diese Suche verwirrt mich. Sie lässt mich an Dinge denken, an die ich nicht denken will. Die vorbei sind. Vergessen. Ich will Fakten. Keine Vergleiche, kein Rain-Man – ich will wissen, was genau das ist. Ob ich das bin. Wer ich bin. Was ich bin… stopp!

Das geht mir jetzt eindeutig zu weit. Ich wollte eine Richtung. Keine Existenzfrage. Keine Pseudo-Erklärung. Aber wäre es nicht schön, endlich einen Namen für das Anders-Sein zu bekommen? Was, wenn es stimmt? Ändert es etwas? Macht ein Name aus etwas Unbekanntem etwas Bekanntes, Vertrautes? Ist Autismus die Antwort oder erst die eigentliche Frage? Ist es überhaupt von Relevanz? Wird die Welt verstehbar, wenn ich mich verstehe?

Aber eigentlich wollte ich das doch gar nicht wissen. Das ist verrückt: Man fragt Menschen nach einer Sache und bekommt eine ganz andere erzählt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Platon:

Sie kann mit dem Begriff  „Freude“ offenbar nicht viel anfangen. Stattdessen spricht sie von „mögen“ und „gerne machen“. Das habe ich bereits von ihr gelernt. Sie hatte einige Male gelacht. Daran kann ich mich erinnern, dann habe ich auch ein Bild vor Augen. Ich würde mich freuen, wenn Sie wiederkommt. Ob sie das verstehen würde?

Ich kann nicht glauben, dass sie sich noch nie ernsthaft mit Autismus bezogen auf ihre eigene Person auseinandergesetzt hat. Aber darum geht es jetzt nicht, es ist eigentlich unwichtig. Wie nimmt sie die Welt wahr? Wie konstruiert sie ihre Wirklichkeit? Ich versuche die Welt aus ihren Augen, mit ihren ganzen Sinnen zu erfahren. Sie sagt, sie müsse sich konzentrieren, die gerade unwichtigen Dinge nicht zu hören, zu sehen, wahrzunehmen. Ich versuche es, meine Gedanken werden aber schneller, überhitzen, sind irgendwann festgefahren.

Sophie:

Das Chaos in meinem Kopf nimmt überhand. Es reicht. Ich klinke mich aus, so, wie ich es jeden Abend mache – und visiere die Dusche an. Das heiße Wasser, das gleichmäßige Rauschen beruhigt das Chaos im Kopf ein wenig. Es beendet den Tag. Die Dusche ist der feste Bestandteil eines jeden Tages, Teil einer Struktur, eine der letzten Perlen auf der Tageskette.

Bis weit in den Tag kreisen die Gedanken. Ich habe einige Bücher bestellt, aber die Fragen sind jetzt schon da. Es macht mich unruhig, denn sie lenken ab vom Ablauf. Ein Ablauf, der noch nicht gewohnt, der mir fremd ist.

Der Philosoph hat zu viele Fragen in den Raum gestellt. Einfach so, ohne eine klare Antwort. Ich mag es nicht, ohne Antwort zu bleiben.

Wenn mein Grundgedanke, den Philosophen überhaupt aufzusuchen, der war, dass sich etwas ändern muss – dann sollte ich vielleicht genau mit diesem chaotischen, sprunghaften, irritierenden Menschen anfangen.

Platon:

Ich will sie verstehen lernen. Ich will versuchen, mich für sie verstehbar zu machen. Ich will eine neue Sprache, eine neue Form der Kommunikation lernen, um das zumindest ansatzweise zu ermöglichen.

Positive Erfahrungen sind bestimmt hilfreich für sie. Auch mein Sein würde das bereichern.

Ob sie sich noch einmal meldet?

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5 Kommentare

Verfasst von - 22. Dezember 2013 in Alltägliches, Zwischen Gedanken

 

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5 Antworten zu “Zwischen Gedanken – Nach der ersten Sitzung

  1. Ismael Kluever

    23. Dezember 2013 at 3:21

    Schön, dieser Rückblick als erste Zusammenfassung! 🙂

    Interessant, dass Sophie das Bild von „Perlen auf der Tageskette“ verwendet. Auch andere Autisten verwenden diesen Vergleich!

     
    • dualessein

      23. Dezember 2013 at 13:45

      Meines Erachtens erklärt das Bild der Perlenkette es am einfachsten. Die Perlen haben eine bestimmte Reihenfolge. Man kann nicht einfach eine Perle aus der Mitte nehmen und an den Anfang setzen. Braucht man die Perle aus der Mitte, muss man die ganze Kette erst auflösen und dann die Perle an den neuen Platz setzen und die restlichen Perlen wieder auffädeln. Das will geplant werden. Wenn das nicht geschieht, reißt die Kette. Und das Tageschaos ist da.

       
  2. Mueller7de

    24. Dezember 2013 at 14:53

    Von der Veröffentlichung dieses Teils bis heute habe ich gezittert: Geht es weiter? Geht es nicht?
    Ich konnte nicht wie sonst darum bitten, denn in dem Text wird klar, wie teuer das für Sophie werden kann.
    Den neuen Text habe ich ganz bewusst noch nicht gelesen.
    Ich habe früher auch solche Gefühle wie Sophie gehabt, deshalb:
    Liebe Sophie! Mutige Frauen sind etwas Wunderbares! Bitte sei nicht zu mutig, Nimm Dir die Zeit, die Du vielleicht brauchst. Brich ab, wenn es zu teuer wird.
    Jetzt lese ich den neuen Text… 🙂

     
  3. Ismael Kluever

    30. Dezember 2013 at 8:49

    „Wie nimmt sie die Welt wahr? Wie konstruiert sie ihre Wirklichkeit? Ich versuche die Welt aus ihren Augen, mit ihren ganzen Sinnen zu erfahren.“

    Wie weit kann das einem neurotypischen Menschen überhaupt gelingen?
    Das ist für mich die eigentlich spannende Frage!

     
  4. kiwigirl

    31. Juli 2014 at 10:24

    also ich habe noch nichts von einer perlenkette gehört, aber mir überlegt mir eine zu basteln, damit ich merke okay es gibt eine bestimmte anzahl von tätigkeiten oder punkten die du machen kannst, aber dann brauchst du eine pause 😉

     

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