RSS

Die erste Sitzung – Teil IV

21 Dez

Sophie:

Die Stunde ist fast vorbei. Jetzt kommt gleich wieder ein schwieriger Teil, ich sehe ihn bereits auf mich zukommen. Verabschieden. Auf der Beliebtheitsskala rangiert das gleich hinter dem Begrüßen.

Ich weiß nicht, wie ich vorgehen muss. Diese Situation hier ist ungewohnt. Ich habe keinen Plan dafür. Wer steht zuerst auf? Und was kommt danach? Soll ich einfach gehen? Oder „muss“ da noch irgendetwas sein? Vor allem: Kann ich gehen und einfach „Tschüss“ sagen oder komme ich am Hand geben nicht vorbei? Und wie geht es jetzt überhaupt weiter?

Platon:

Ich sehe jetzt diese junge Frau vor mir sitzen, und habe eine Ahnung davon, wie sehr sie wohl leiden muss, erkenne, wie unglaublich fehlangepasst sie ist. Welch immensen Leistungen ihrerseits aufgebracht werden mussten, um es überhaupt bis heute zu schaffen.

Mir sitzt der nachfolgende Termin im Nacken. Ich rate ihr, sich testen zu lassen. Diesem Verdacht nachzugehen. Es ist bis jetzt nur ein Verdacht. Ich sage, Autismus ist keine Katastrophe, das Aufklärung der erste Schritt sein kann. In der Familie, beim Arbeitgeber. Wenn die Mitmenschen die Ursachen kennen, dann würden sie anders wahrgenommen werden, dann wären sie nicht mehr die Sonderbare, sie wären kein Unsicherheitsfaktor mehr. Sie wären berechenbarer und erklärbarer für ihre Mitmenschen. Und umgekehrt. Ob sie mich verstehe. Sie sagt: „Ich glaube ja.“ Ich sage: „Ich glaube ja, das heißt bei Ihnen ‚Darüber muss ich erst noch nachdenken.‘ Richtig?“. Sie lächelt. Ich auch. Ich habe wieder etwas bei ihr gefunden, an dem ich mich bei der Verständigung orientiere.

Ich frage sie, ob ihr Berührungen unangenehm sind. Ja. Ob ihr das Handgeben vorhin unangenehm war. Ja. „Dann brauchen wir uns zukünftig nicht mehr die Hand geben“, sage ich. Sie sagt ok.

Ich habe auch bemerkt, dass sich ihre Augenbrauen bei Situationen, in denen ihr etwas unklar ist, spezifisch bewegen. Ein weiterer Anhaltspunkt für mich. Ich lerne, die minimalen körperlichen Zeichen, die Rückschlüsse auf ihre Gedanken und Kognitionen zulassen, zu entdecken und zu deuten.

Sophie:

Er scheint die Unsicherheit zu bemerken, denn er ergreift die Initiative. Ich könne mich melden, ihn anrufen, wenn ich Fragen habe. Ich hake ein, denn ich hasse Telefonate: Ob Email auch ginge. Emails sind einfacher.

Meine Stärke ist das Schreiben, nicht das Reden. Im geschriebenen Wort habe ich die Sicherheit und Zeit, die mir beim Reden fehlt. Die meisten verstehen das nicht. Wollen lieber „schnell“ anrufen. Ob er es versteht, weiß ich nicht. Aber ja, Emails seien kein Problem.

Der Termin war anstrengend. Für mich ist der Abend damit gelaufen. Ob die Idee gut war, weiß ich noch nicht.

Es gibt viel, worüber ich nachdenken muss. Mich informieren muss. Und dann die Frage, ob ich überhaupt einen weiteren Termin vereinbaren soll. Er ist genau der Typ Mensch, der mich in den Wahnsinn treiben kann. Irrational. Er irritiert mich, bringt mich aus dem Konzept, schweift ab, wechselt unvorhersehbar die Themen. So, wie Menschen eben sind. Die vielen Menschen, mit denen ich früher oder später Schwierigkeiten bekomme. Weil ich nicht „richtig“ reagiere, irgendwie „anders“ bin. Ich zweifle, ob das mit dem Philosophen gut gehen kann.

Oder sollte ich es gerade deswegen versuchen?

Platon:

Ich muss jetzt die Sitzung beenden. Ich könnte mich noch stundenlang weiter mit ihr unterhalten, sage dies auch. Ich sage ihr auch, dass ich tief beeindruckt bin, von ihr, von der Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert. Ich könnte immer weiter Fragen stellen.

Ich merke, dass sie unsicher ist, wie die Verabschiedung ablaufen soll. Daher unterstütze ich sie bei der Organisation des Verabschiedens.

Ich biete ihr an, mit mir wieder in Kontakt zu treten. Ich sage, ich würde sie gerne weiter unterstützen. Auch Fragen würde ich gerne beantworten. Sie fragt, ob das auch per Email ginge. Ja. Natürlich.

Tschüss.

Tschüss.

Ich bin tief berührt. Verwirrt. Das Gespräch war sehr anstrengend, stockend, ungewohnt. Ich denke sehr viel über diese Sitzung noch nach. Das passiert mir selten.

Ob sie sich noch einmal meldet?

Advertisements
 
3 Kommentare

Verfasst von - 21. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten zu “Die erste Sitzung – Teil IV

  1. Mueller7de

    21. Dezember 2013 at 13:38

    Ich glaube, dass hier eine merkwürdige Verwandlung passiert: Der Bezeichnung für die Andersartigkeit ist ins Spiel gekommen (Stichwort Verhaltensstereotype, wenn das Thema auf eine „anwesende“ Behinderung kommt, Ausprägung hier: Verdacht auf Autismus).
    Ich habe das Gefühl, dass Platon sich in einen mentalen Stuhl setzt. Er wird – nach meinem Gefühl – vom Gesprächspartner zum verständnisvollen Unterstützer (man sehe mir meine schlechten Erfahrungen mit dieser „Mutation“ bei Gesprächspartnern nach). Plötzlich prägt Anerkennung für Leistung und Verständnis für die dauerhafte Belastung im Alltag das Bild. An sich ist das ja nichts Schlechtes. 🙂
    Nur – das Thema ist Seinsdualität.
    Ich bin sehr gespannt, ob ihr es schafft zum Thema zurückzukehren und wie ihr weiter vorgeht!

     
  2. www.autismus-buecher.de

    21. Dezember 2013 at 17:51

    Ganz toll, ich bin begeistert, wie beide ihre Gefühle und Empfindungen beschreiben. Die letzten Worte von Platon fand ich besonders schön „Ich bin tief berührt. Verwirrt. (…) Ich denke sehr viel über diese Sitzung noch nach. Das passiert mir selten.“ – denn genau so ging es mir in meinem ersten Gespräch mit einem Asperger-Autisten. Tief berührt, irgendwie verwirrt und lange nachgedacht.
    Außerdem sehr klasse, das er sofort eine Idee bekommt, in welche Richtung Sophie weiter denken kann. Gut, dass sie an einen Fachmann geraten ist.

     
  3. mellissandra

    22. Dezember 2013 at 14:18

    ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht
    ob platon auch recherchieren wird und erkennen, das outing nicht immer positive konsequenzen hat, grade in der familie?
    wird sophie ihm die erkenntnisse,, die sie bei ihrer recherche erlangt hat, mitteilen?

    die geschichte bringt erinnerungen hoch, an therapiestunden, wo ich als klient saß, nützliche und weniger nützliche, und solche, wo ich als angehende therapeutin in der ausbildung saß, auch da mehr oder minder nützlich sein könnend

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: