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Die erste Sitzung – Teil III

19 Dez

Sophie:

Der Philosoph fragt wieder nach der Geschichte. Ich beschließe, ehrlich zu sein. In der Hoffnung, dass mir diese Ehrlichkeit nicht negativ ausgelegt wird.

Er erklärt. Ist das jetzt ein gutes Zeichen? Die Geschichte galt nur als Brücke, gedacht um drei Ecken. Verdammt noch mal, warum sagen die Leute nicht einfach das, was sie meinen? Warum immer diese verschlüsselte, metaphorische, übertragene Sprache? Auch das frage ich ihn. Etwas, was ich „draußen“ nicht machen würde. Weil man damit aneckt. Irritiert. Weil man offenkundig dumm ist und etwas, was jeder versteht, nicht versteht.

Platon:

Ich frage sie, worüber sie sich freut. Sie sagt mir, was sie gerne macht. Schreiben, Fotografieren. Ich frage nach Hobbys. Sie berichtet von Star Trek und von ihren Raumschiff-Modellen, die sie selbst baut. Ich frage, wie das Basteln mit der Feinmotorik klappt. Sie sagt, sie ärgere sich, wenn sie die kleinen Teile nicht exakt anbringen kann, weil ihre Finger nicht so wollen, wie sie will. Unwillkürlich sage ich: „Faszinierend.“

Ich frage sie, ob sie sich oft unverstanden, unangemessen fühle. Ja. Ob sie deswegen da sei? Ja. Ich frage nach ihrem Studium, sie berichtet mir zusätzlich von ihrem Stipendium. Und dann von den Problemen im Job. Ob sie diese Probleme, dieses Anderssein schon immer verspürt habe, im Kindergarten, in der Schule. Ja.

Ja, Autismus!

Sophie:

Irgendetwas brummt in der Praxis. Ich bin mir noch nicht sicher, was. Das Aquarium in meinem Rücken vielleicht. Ich höre es permanent. Während ich versuche, mich auf das anstrengende Gespräch zu konzentrieren, weilt ein Teil meiner Aufmerksamkeit bei dem Brummen.

Auch die Straße vor dem Haus ist unruhig. LKW, Autos, Fußgänger. Es rumpelt, rauscht, jemand redet. Irgendwo in der Ferne ein Martinshorn. Mich wundert, wie er es den ganzen Tag in diesem Büro aushalten kann.

Platon:

Ich frage direkt, ob sie sich schon mit dem Thema Autismus beschäftigt habe. Nein. Ich frage: „Nein?“. Sie sagt nein. Ob sie noch nie jemand darauf angesprochen habe. Einmal ein Studienleiter. Und die Eltern? Lehrer? Ärzte? Schulpsychologen? Nein. Nein? Nein.

Da ist wieder diese kaum vorstellbare Geschichte, dass Autisten oft 20, 30 oder 40 Jahre alt werden müssen, um eine Erklärung zu finden. Wo versagt hier die Gesellschaft, wo versagen die Bezugspersonen?

Ist es überhaupt ein Versagen?

Bei ihr ist es so offensichtlich, dass jemand mit etwas Erfahrung schon nach wenigen Minuten erkennen muss, dass Autismus vorliegen muss, sofern alle anderen akuten psychotischen Zustände ausgeschlossen werden können. Ich kann nicht glauben, dass ich der erste sein soll, der die Verdachtsdiagnose Autismus ihr gegenüber direkt ausspricht.

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6 Kommentare

Verfasst von - 19. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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6 Antworten zu “Die erste Sitzung – Teil III

  1. Charly Schwarzer

    19. Dezember 2013 at 13:12

    Das scheint also gar nicht mal so selten zu sein. Ich habe es erst mit 48 erfahren, was Autismus eigentlich ist, also vor knapp 2 Jahren. Von dieser Zeit an hat sich vieles geändert. Ich bin jetzt Ich geworden, vieles ist mir jetzt viel klarer.

     
  2. Reiner Sauer

    19. Dezember 2013 at 13:35

    Die meisten Menschen auf diesem Planeten sind so „abgestumpft“ in ihrer Gedankenwelt gefangen, dass sie ihre Umwelt herum nicht wahrnehmen. „Es ist halt so“. Es wird nicht gefragt und nicht hinterfragt.

     
  3. Mueller7de

    19. Dezember 2013 at 15:52

    Mit der Jagd auf eine Diagnose kann man auch sein Leben verschwenden. Ich habe 2 Jahre gejagt, inzwischen ist es mir vollkommen egal. Diese Tür habe ich seit 2001 verschlossen und den Schlüssel geschreddert. 🙂
    Das „Warum“ interessiert mich überhaupt nicht mehr.
    Das „Wie geht es so, dass ich mich nicht permanent überanstrenge und aus der Kurve fliege?“ interessiert mich.
    – Der mir gemäße Weg ist mein Ziel –

     
  4. amicus

    19. Dezember 2013 at 18:08

    Stichwort „Verdachtsdiagnose“.
    Dazu mal wieder einige Gedanken von mir:

    Leider wird mit manchen psychischen Krankheitsbegriffen schon sehr inflationär umgegangen. Da sprechen Menschen von einer „Diagnose“ und haben einen fünfminütigen Selbsttest im Internet gemacht, mit dem „eindeutigen“ Ergebnis: Asperger!!!

    Ich finde das erschreckend. Diagnosen gibt es – nach meiner Meinung – vom Fachmann. Ich habe in meiner Ausbildung gelernt,dass bei jedem neuen Klienten an erster Stelle der psychopathologische Befund steht, mit dem (ersten) Ergebnis „Verdacht auf (V. a.)…….“ Also mal eben die Ergebnisse eines (vorher-)behandelnden Arztes übernehmen geht gar nicht.

    Leider gibt es auch aus meiner Erfahrung zahlreiche Jugendliche und Erwachsene, die eine eindeutige Diagnose im Bereich der ASS erst im Erwachsenenalter bekommen. Es gibt auch solche Fälle, da ist die Diagnose bekannt, man versucht aber, so gut es geht, „angepasst“ zu leben oder zu „funktionieren“. Bis es eben nicht mehr geht und es im Beruf, im Studium oder im privaten Umfeld zu massiven Problemen kommt.
    Und – das sei auch ganz deutlich bemerkt: Manche haben einfach nur Angst. Leider sind in dieser Hinsicht die Medien nicht ganz unschuldig. Von „autistischen Zügen“ ist immer mal wieder die Rede. Hier sei als Beispiel der Amoklauf von Newtown erwähnt. Dort war immer wieder zu hören, der Täter „leide“ am Asperger-Syndrom. Eine Aussage mit fatalen Folgen.

    Ein Fall aus der Praxis: „(…) Die Mutter eines Jugendlichen mit ASS berichtete mir, dass es ihr nach den Ereignissen in den USA kaum gelänge, ihren zwölfjährigen Sohn zum Schulgang zu bewegen, weil er auf dem Schulhof (die Diagnose war den Mitschülern bekannt) Sprüche wie „Bringst du uns morgen auch alle um, Du Freak!“, zu hören bekam. Auch andere „Asperger“ erzählten mir in Foren und telefonisch, dass sie – aus Sorge vor Ausgrenzung – Angst hätten, ihre Diagnose öffentlich zu machen(…).“

    Ein weiteres Problem – lieber Philosoph – man muss sich eben intensiv mit diesen Menschen und auch mit dem Thema ASS beschäftigen und oft auch kontrovers auseinandersetzen. (Jeder Autist / Asperger ist anders – darum auch laut DSM Autismus-SPEKTRUM-Störung) Das heißt, man müsste sich Mühe geben, sie zu verstehen und – ja soweit gehe ich – ihre Andersartigkeit, ihren Facettenreichtum und eben auch ihr Spezialinteresse lieben lernen (im wörtliche oder platonischen Sinne). Emphatiefähigkeit ist hier – so glaube ich – das Schlüsselwort.

    Der Konjunktiv zeigt, wo wir uns in der Gesellschaft gerade befinden…

     
    • leidenschaftlichwidersynnig

      20. Dezember 2013 at 8:28

      Viele Fachleute sind KEINE. Und so bekommen Betroffene alle möglichen Therapien, ohne dass wirklich unterstützt werden. Besonders bei den Mädchen ist es so.

       
  5. kiwigirl

    31. Juli 2014 at 8:31

    hallo, ich bin durch autistenwelt.de auf diesen blog aufmerksam geworden und bin wirklich sehr fasziniert! sophies welt konnte ich obwohl ich sehr viel lese und schon früh damit begonnen habe, nie zu ende führen… dies hier kann ich einfach runterlesen. super! weiter so.

     

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