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Die erste Sitzung – Teil II

17 Dez

Sophie:

Warum ich da sei, will er wissen. Ich versuche zu erklären. Er unterbricht, stellt Zwischenfragen, bringt mich aus dem Konzept, irritiert. Wie soll ich denn die richtigen Worte finden, wenn ich keine Zeit habe? Ich brauche die Zeit, damit die Worte richtig sind. Ich genau das sage, was ich meine. Die Dinge so benenne, wie sie sind.

Wenn ich eine Pause mache, um zu durchdenken, was ich wie sagen will, fangen die meisten Menschen schon an, irgendwas zu plappern. Er auch. Stellen komische Fragen, erzählen Geschichten, reden seltsames Zeug.

Platon:

Ich bin interessiert. „Sie gehen einem Blickkontakt aus dem Weg. Sie antwortet: „Ich sehe mit den Ohren“. Ab jetzt bin ich sehr interessiert.

Meine Augen kleben an ihrem Gesicht, ich suche nach kommunikativen Zeichen. Mir wird klar, dass keinerlei Nonverbalität, also zum Beispiel Gestik, Mimik, Intonation zu beobachten ist. Ich spreche sie darauf an. Ich sage ihr, wie ich sie warhrnehme. Ob sie das überrasche. Sie sagt etwas. Ich kann meine Gedanken gerade nicht fokussieren, denke mehrere Optionen gleichzeitig.

Ich frage dann, was sie beruflich macht: Sie nennt ihre aktuelle Tätigkeit. Ich erinnere mich an meine eigenen jahrelangen Erfahrungen in dieser Berufssparte. Spontan äußere ich: „Wie geht das?“ Noch während des Aussprechens ärgere ich mich über die unprofessionelle Äußerung. Gleichzeitig habe ich die Vermutung, dass diese Frage erst gar nicht verstanden wurde. Ich nutze die allgemeine Verwirrung für eine Geschichte: Ich berichte von meinen Erfahrungen in diesem Beruf, die allerdings schon lange zurückliegen. Sie reagiert nicht. Sie reagiert immer noch nicht. Ich lasse die Pause zu.

Es ist ein kommunikativer Blindflug.

Sophie:

Er scheint kein logischer Mensch zu sein. Eher ein Geschichtenerzähler. Zumindest erzählt er mir Geschichten. Was das jetzt soll, ist mir schleierhaft. Als er fertig ist, warte ich. Darauf, dass er erklärt, was ich mit der Geschichte anfangen soll. Und für mich zeichnet sich schon fast symptomatisch das Problem ab, dass auch meinen Alltag beherrscht, in der Familie, im Beruf, in der Freizeit. Ständig erzählen Menschen Dinge, die weder von Relevanz noch von Interesse sind und auch zu einer aktuellen Situation nichts Sinnvolles beitragen.

Ich warte weiter. Er überrascht mich: „Sie fragen sich jetzt, warum ich Ihnen das alles erzähle?“ Ich muss lachen, denn das trifft sogar fast genau meinen gedanklichen Wortlaut. Ich hätte ja doch Emotionen, meint er daraufhin. Da ist es wieder. Auch ein Punkt, den mir andere häufig unterstellen: Emotionale Kälte. Eiseskälte. Dabei stimmt das nicht. Und das sage ich ihm auch. Ich hatte lediglich gesagt, dass ich kein Mensch bin, der Emotionen gut ausdrücken kann. Daraus zu schließen, dass keine Emotionen vorhanden seien, ist schlicht falsch. Offenbar hört er nicht richtig zu.

Platon:

Ich werde empathisch, frage ruhig und freundlich: „Jetzt fragen Sie sich, warum ich Ihnen all diese tollen Geschichten aus meiner Vergangenheit erzähle?“. Sie lächelt etwas. Genau das trifft mich mit voller Wucht, darauf war ich jetzt nicht vorbereitet. Ich sage – erneut völlig unangemessen und unprofessionell – „Sie haben ja doch Emotionen.“ Sie antwortet: „Ich habe nicht gesagt, dass ich keine Emotionen habe“. Ich drehe und winde mich etwas aus der Situation heraus, relativiere, korrigiere mich. Und freue mich auch. Über das Lächeln.

„Was sagen Sie zu der Geschichte?“

Pause.

Pause.

Dann zaghaft: „Ich verstehe die Relevanz nicht?“. Ich erkläre ihr, warum ich diese Geschichte erzählt habe. Um die Situation aufzulockern, um zu zeigen, dass auch ich mich in ihrem Berufsfeld etwas auskenne, um ihr zu  signalisieren: fühlen Sie sich wohl und sicher. Sie antwortet: „Warum sagen sie es dann nicht einfach?“ Ich muss schmunzeln und sage: „Bitte fühlen Sie sich wohl und sicher.“

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4 Kommentare

Verfasst von - 17. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

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4 Antworten zu “Die erste Sitzung – Teil II

  1. Reiner Sauer

    17. Dezember 2013 at 13:33

    Pünktlich auf die Minute!
    ansonsten hast du mein uneingeschränktes Mitgefühl, du wirst noch einiges Aushalten müssen…

     
  2. Semilocon

    17. Dezember 2013 at 15:09

    Schön, wie beide Seiten der Unterhaltung dargestellt werden. War für mich ein schwieriges Konzept zu begreifen, dass andere Menschen sich auch unwohl fühlen könnten, wenn sie mit jemandem reden müssen. Dass andere Menschen auch fühlen, hab ich glaub ich erst mit so 18 Jahren wirklich verstanden.

     
  3. amicus

    17. Dezember 2013 at 15:45

    Vielen Dank für den „Teil II“ und kann auch etwas beisteuern: Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die ich in meine -jüngst fertiggestellte- Facharbeit aufgenommen habe: Unter Kapitel „Behandlungs-Termin 1“ ist dort folgendes zu lesen „(…) Auf meine Frage, wie sich ihre Andersartigkeit zeige, schilderte sie (Klientin) mir folgendes Beispiel: Sie berichtete, dass vor einem Jahr ein Trecking-Urlaub anstand, auf den sie sich sehr freute. Im Verlauf des Urlaubs und nach einer Wanderung von mehrer Kilometern sei eine Mitwanderin neben ihr plötzlich in Tränen ausgebrochen. Sie habe darauf nicht reagieren können, und auch keine Anstalten gemacht sie zu trösten oder nachzufragen was los sei, was in der Gruppe auf ziemliches Unverständnis stieß. Das Unverständnis sei ihr bis heute nicht klar, denn die Mitwanderin hätte ja klar kommunizieren können was sie bewegte.(…)“
    Was fragte sich nun die Gruppe: Wie kalt und emotionslos kann man eigentlich sein? Was geht in so einem Menschen vor ? Natürlich haben Menschen mit ASS auch Emotionen – das weiß ich aus dem Umgang mit Betroffenen- aber auch hier spielt wieder die Wahrnehmung eine große Rolle. Die Eigene und auch die der Anderen.
    In diesem Sinne wird es wohl in den weiteren Sitzungen spannend bleiben. Ich bin gespannt! Weiter so…..

     
  4. Mueller7de

    17. Dezember 2013 at 18:14

    Ich spüre eine Ungleichzeitigkeit der Gedanken. Die Eine braucht an anderen Stellen Zeit als der Andere. Beide wissen noch nicht, wann der Andere die Zeit braucht.
    Taubblinde haben oft mit diesem Problem zu tun. Erst kommt der zu vermittelnde Text rein, dann sollte das Denken erfolgen, dann die Antwort. Aber diese Zeit ist für die meisten zu lang. Es kommen weitere Fragen und Anmerkungen. Für Rückfragen ist oft keine Zeit, Rückfragen, die weitere Informationen anfordern für besseres Verständnis und Einordnen des Textes: Etwa lächelt die Person? Oder ist sie ernst? Schon steigt mein Kopf aus und ich rede nur noch Unsinn und wünsche mich weit weit weg.

    Ich lerne von euch ❤

     

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