RSS

Die erste Sitzung – Teil I

15 Dez

Sophie:

Ich bin zu früh. Immer bin ich zu früh. Normalerweise fahre ich unbekannte Strecken schon einmal vorher ab, damit nichts schief gehen kann. Diesmal fehlte mir die Zeit, daher bin ich nervös. Und wenn ich nervös bin, plane ich noch mehr „Puffer-Zeit“ ein. Puffer-Zeit, das ist die Zeit für Unvorhergesehenes. Ein Verkehrsunfall auf der Strecke, eine Umleitung, ein langsam fahrender Traktor – alles, was mich daran hindern könnte, pünktlich zu kommen.

Pünktlich bin ich, wenn ich mindestens zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit eintreffe.Dann warte ich irgendwo bis zur vereinbarten Zeit. Jetzt warte ich im Auto, die Uhr fest im Blick.

17:25 Uhr – 17:26 Uhr – 17:27 Uhr – 17:28 Uhr.

Aussteigen. Abschließen. An der Beifahrertür einmal kontrollieren, ob der Schließmechanismus funktioniert. Die Straße überqueren, bis zum Haus.

Punkt 17:30 drücke ich auf die Klingel, die blau blinkt. Das Blinken ist so witzig, am liebsten würde ich noch mal klingeln. Aber da öffnet sich schon die Tür.

Der Philosoph.

Platon:

Ich mag Erstberatungen. Ich kann mich dabei entspannen. Ich beobachte, lasse erzählen, bin neugierig. Heute war der Tag anstrengend, so wie meistens. Aber ich habe immer diese kleinen „Inseln“, wie zum Beispiel die Erstberatungen, oder meine Gespräche im Mutter-­Kind­-Heim, oder manchmal die Autofahrten. Sehr oft gehe ich nämlich direkt „in“ die Familien, bin bei ihnen zu Hause.

Jetzt steht sie vor der Praxis, ich habe sie erst gar nicht gesehen. Schon beim Öffnen der Tür schalten alle meine Sensoren für Intuition und Empathie auf höchste Sensibilität und Wachsamkeit. Ich reiche ihr die Hand, sie gibt sie mir. Kein Blickkontakt, keine flüssige Bewegung und nteraktion. Ich bitte sie in den Raum, bitte sie sich zu setzen. Sie tut es.

Sophie:

Ich mag keine Begrüßungen. Zumindest förmliche. Wenn man jemanden kennt, reicht ein einfaches „Hallo“. Bei Fremden nicht. Denen muss man die Hand geben. Die Berührung ist wie ein Stromschlag, unangenehm. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Fremdes Haus, fremde Räume, fremder Mensch. Das ist nicht gerade meine Stärke. Aber deswegen bin ich ja wohl hier.

Sein Büro ist das blanke Chaos. Ein Bücherregal an der Wand reicht bis unter die Decke. Und ist vollgestopft mit Kram. Willkürlich, unsortiert. Ein paar Bücher, die meisten ungelesen, einige sogar noch eingeschweißt. Ordner, Kisten – nebeneinander, übereinander, durcheinander.

Auf der Fensterbank ein Glas mit Muscheln. Eine fällt mir sofort ins Auge, sie ist gedreht, wie ein Schneckenhaus. Eine logarithmische Spirale. Die Perfektion der Natur.

Ein alter Schreibtisch, ein schönes Modell. Aber das Durcheinander darauf – wie soll man da arbeiten können? Vor allem scheint der Schreibtisch eher als „Ablage für alles“ genutzt zu werden.

Sein Schuh fällt mir auf, dunkelgrau, Leder. Ein Schnürsenkel ist abgerissen.

Ich sage ja: Chaot.

Platon:

Währenddessen wird mein gedanklicher Notfallplan im Kaltstart hochgefahren. Von Entspannung keine Spur. Psychose? Traumatisierung? Depression? Suizidgefahr? Extreme Schüchternheit? Ich bleibe äußerlich ruhig, das kann ich. Sogar sehr gut. Beobachte.

Sie schaut sich um, in ungewöhnlicher Art und Weise, ich folge ihrem Blick. Der Schreibtisch. Ich sage: „Ja, sehr unordentlich, auch mein Bücherregal“. Sie antwortet: „Auf dem Schreibtisch sind viele Dinge, die man nicht zum Arbeiten braucht.“ Pause. Sie spricht nicht von allein, sie wartet ab.

Ganz gegen meine Gewohnheit frage ich direkt und auch noch sehr früh: „Was führt Sie zu mir?“ Sie kann ihr Anliegen nicht klar formulieren. Sie erwartet scheinbar von mir, dass ich die Richtung wüsste.

Advertisements
 
6 Kommentare

Verfasst von - 15. Dezember 2013 in Alltägliches, Die erste Sitzung, Die Sitzungen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

6 Antworten zu “Die erste Sitzung – Teil I

  1. Anita

    15. Dezember 2013 at 15:25

    Es kommt mir so bekannt vor.

    Sehr interessant, zu lesen, wie es auf Platon wirkt.

    Zu analysieren fällt mir schwer, geht es doch um individuelle Eindrücke. Aber die niedergeschriebenen Gedanken machen mir vieles deutlicher.

    Danke dafür!

     
  2. Mina

    15. Dezember 2013 at 17:46

    Das ist umwerfend spannend und interessant.
    Bitte weiterschreiben 🙂

     
  3. leidenschaftlichwidersynnig

    16. Dezember 2013 at 1:11

    Sehr gute Idee, diese Gegenüberstellung der Perspektiven !

     
  4. Reiner Sauer

    16. Dezember 2013 at 14:36

    warum geht es nicht weiter???

     
    • dualessein

      16. Dezember 2013 at 14:39

      Teil II erscheint morgen um 13 Uhr. Teil III ist für Donnerstag geplant und am Samstag kommt dann der letzte Teil der ersten Sitzung. Danach geht es natürlich noch weiter.

       
      • Reiner Sauer

        16. Dezember 2013 at 15:43

        Danke und Sorry, dass ich so ungeduldig bin…
        Die Idee fasziniert mich selbst schon eine Weile, nicht nur die Dialoge zu hören sondern auch das Denken dahinter sichtbar machen. Genial.

         

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: