RSS

Team- und Einzelkampf

Platon

Wiederholt haben mich schon Seminarteilnehmer gefragt, wie es eigentlich möglich sei, dass Sophie trotz der ganzen beschriebenen Schwierigkeiten beruflich so aktiv ist. Der Umgang mit Menschen, die selber große Alltagsprobleme hätten und im kommunikativen Umgang sicherlich auch schwierig seien, müssten doch eine Qual für Sophie sein. Die Antwort darauf ist mir immer sehr schwer gefallen. Denn einerseits konnte und kann noch immer ich mir nur schwer vorstellen, wie es Sophie ganz alleine gelingt, hochkomplexe Alltags- und Interaktionssituationen, die der Beruf mit sich bringt, angemessen und vor allem zielführend zu meistern. Oder wenn sie ganz konkret alleine Seminare hält. Ich sehe ja jedesmal bei useren gemeinsamen Veranstaltungen, wie sie mit ihrem Verhalten auffällt und sich bei den kleinsten Kleinigkeiten schwer tut und schon fast versteckt. Ich muss dann vor Ort alles regeln: die Bereitstellung der Technik, die Pausenabsprachen, die Organisation, den Teilnehmerkontakt, die Koordination der Teilnehmerbeiträge (das Erkennen von Wortmeldungen zum Beispiel) und so weiter. Ebenso die Anreise, das Aufsuchen des Seminarraums und die Bestuhlung im Raum überlässt sie großzügig mir. Andererseits erlebe ich ja immer wieder, dass sie, wenn sie einmal in Fahrt gekommen ist, sogar Seminare rumreißen kann, die ich zuvor durch etwas wenig Engagement und schlechte Tagesform ins Straucheln brachte. Ja, sie kommt richtig gut an bei den Teilnehmern, zumindest in der Rolle, in der ich sie erlebe, wenn ich dabei bin.

Aber Sophie macht auch alleine Seminare. Dann muss sie alles selber machen, dann kann sie nicht schnell weitergeben an jemand anderen. Dann muss sie mit allen Sinnen anwesend sein und die Vorgänge alleine steuern. Auch ich frage mich: Wie geht das? Vor allem vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit ihr beim Einkaufen, beim Arzt und bei der Republica, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie findet anscheinend nicht einmal den Spinat im Supermarkt, wie kann da der Seminarraum und das richtige Beamerkabel gefunden werden? Und wie kann es möglich sein, dass sie trotzdem großen Erfolg hat und immer wieder neu gebucht wird? Was macht sie da anders als bei unseren gemeinsamen Seminaren, und wie macht sie das dann im Einzelnen? Ich habe ihr natürlich diese an mich gerichteten Fragen und auch meine persönlichen Zweifel geäußert. Für mich zwar überraschend, dann aber doch sehr plausibel, gab Sophie mir die folgende Erklärung:

Sophie

Mir ist durchaus aufgefallen, dass schon einige Seminarbesucher diese Frage hatten. Kurioserweise wird sie mir selbst aber nie gestellt. Als hätten die Leute Angst, von mir eine Antwort zu bekommen – da fragen sie dann doch lieber in meiner Abwesenheit den Philosophen. Dabei erscheint selbst mir die Frage einleuchtend.

Gerade meine „Alleingänge“ haben einen anderen Rahmen, der auf den gemeinsamen Seminaren in der Regel nicht gegeben ist. Zusammen sind wir an verschiedenen Orten, in Schulen und Kindergärten, ständig in neuen Umgebungen. Ständig ein anderer Beamer, immer (!) fehlt das HDMI-Kabel (selbst wenn ich im Vorfeld nach einem HDMI-Beamer frage), ich checke zuerst Akkustik und Raumlage, suche die üblichen Wege (Seminarraum – Kaffeemaschine – Toilette – Ausgang) und versuche hier, eine grobe Orientierung zu bekommen. Auch Geräuschquellen außerhalb des Raumes versuche ich schon im Vorfeld zu erfassen, damit sie mich im Seminar nicht überraschen und ich den Faden dann verliere. Wenn dann noch das Gewusel um die Teilnehmer mit all ihren Fragen („Wann gibt es Mittagessen?“ – „Und, wo kommen Sie denn her?“ – „Wir machen auch Pausen, oder?“ – „Sind die Hefte für uns?“) losgeht, bin ich eigentlich restlos bedient. Mit dem Philosoph zusammenzuarbeiten ist an guten Tagen wie ein gut eingespieltes Ping-Pong-Spiel – wir werfen uns die „Stichwort-Bälle“ zu, die Pointen folgen einem klaren Ablaufplan.

Bin ich alleine unterwegs, gestalte ich die Seminare schon grundlegend anders. Zum einen bin ich mit immer wiederkehrenden Inhalten an den gleichen Institutionen und stets im gleichen Raum vertreten. Die Technik, die Wege, die Umgebung kenne ich, Fragen der Teilnehmer werden von der Verwaltung beantwortet, ich muss im Grunde nur pünktlich da sein und kann direkt loslegen. Keine organisatorische Arbeit, kein Small-Talk. Ich bin zwar eine Viertelstunde vor Beginn da, betrete aber erst zur eigentlichen Uhrzeit den Seminarraum. Und dann – dann spiele ich Ping-Pong mit mir selbst. Einmal bin ich aufgeflogen. Eine Teilnehmerin, die bereits ein gemeinsames Seminar besucht hatte, hatte nun eine Einzelveranstaltung mit mir gebucht. Dass ich sie nicht wiedererkannt habe, wunderte sie nicht. Und offenbar hat sie sich während der Einheiten köstlich amüsiert, weil sie direkt merkte, dass ich schlicht beim Philosophen klaue. Und damit meine ich nicht Inhalte. Vielmehr kopiere ich seine Art, bestimmte Anekdoten zu erzählen, mogle seine Eselsbrücken in meinen Ablauf, ich gehe seine Wege im Raum und wähle die gleichen Punkte, bei denen irgendein armer Mensch im Plenum plötzlich direkt angesprochen wird. Komme ich in eine Situation, die so noch nicht dagewesen ist – wo mir also der Ablaufplan fehlt – dann weiche ich ebenfalls auf seine Taktik aus und werfe den „Ball“ ins Plenum zurück: „Wie sehen Sie das?“ Funktionierte bislang immer.

Bei der Einzelbetreuung ist es ein wenig anders. Ich bin zwischenzeitlich davon überzeugt, dass die Frage nach der Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen auf einem falschen Bild beruht: der „Helfende“ wird häufig als hochempathisch, mitfühlend, helfend im Sinne von „Da muss man dies und jenes machen“, als wandelnder Ratgeber und Patentrezepteblock, gedacht. Und ja, das bin ich nicht. Und doch merke ich immer wieder, dass die Klienten gezielt nach mir fragen. Oder mein Umfeld mir gezielt bestimmte Klienten zuweist. Nämlich die, die dazu neigen, ihre Helfer emotional einzubeziehen. Genau das funktioniert bei mir nicht. Ich sehe die Sache, analysiere mit meinen Klienten, lasse sie nach einer möglichen Lösung für ihr Problem suchen und unterstütze dann bei der Umsetzung ihrer (!) Lösung – aber ich habe keine Lösung für sie. Ich höre die Dinge und schaue mit ihnen gemeinsam auf die Sache – und nicht auf die emotionale Verstrickung dahinter. Ein Urteil kann ich nicht fällen. In keinem einzigen Fall. Über keine Sache und keine Person. Zwischenzeitlich bin ich mir fast sicher, dass das der Schlüssel ist: Wertschätzung meint auch, nicht zu werten. Und gerade die, die aufgewühlt sind, werden durch die sachliche Art, meine Orientierung an Fakten, zusehends ruhiger.

Und dann kommt da noch ein Punkt, der vielleicht unerheblich ist, für meine Haltung aber eine ganz große Rolle spielt: Ich weiß, dass ich „komisch“ genug bin, um auch auf der anderen Seite stehen zu können. Im Dialog mit Kollegen fällt mir immer wieder auf, dass ich dem Verstehen nach meinen Klienten näher bin als den Kollegen. Manches, was die „schräg“ finden, erscheint mir völlig „normal“. Und das merken wahrscheinlich auch gerade die Menschen, die in der allgemeinen Meinung „einen an der Klatsche haben“.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 21. Februar 2016 in Alltägliches

 

Es ist vollbracht!

Die letzten zehn Prozent waren die schwersten. Aber nun endlich haben wir es geschafft. Das Buch zum Blog ist fertig. Und wir freuen uns natürlich sehr.

Es hat länger gedauert, wir haben probiert, drüber geschlafen, umgeworfen, neu sortiert. Und irgendwann war der Punkt, an dem wir zufrieden waren.

Wir hoffen, ihr habt viel Freude beim Lesen. Und wir freuen uns natürlich über Feedback.

Sophie und Platon

Ich will das Buch haben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 
2 Kommentare

Verfasst von - 5. Februar 2016 in Alltägliches

 

Der erste Eindruck

Platon

Es sind immer die ersten zwei Stunden eines Seminars, die überstanden werden müssen. Besonders kritisch sind die Minuten vor Seminarbeginn. Meisten sind Sophie und ich schon etwa 45 Minuten vor dem Start angereist. Wir inspizieren dann den Seminarraum, stellen gegebenenfalls einige Tische noch um, überprüfen Licht, Lüftung und Technik. Die Unterlagen werden ausgeteilt. Der Beamer und PC werden hochgefahren. Und dann trudeln auch schon die ersten Teilnehmer ein. Meistens sind sie noch orientierungslos, fragend in Bezug auf richtige Raum- und Platzwahl. Die Teilnehmer suchen Blickkontakt, haben Fragen, machen Anmerkungen oder setzen sich und blättern in den Seminarheften. Während dieser Phase ist Sophies Unsicherheit am größten. Sie versichert mir immer wieder, so angemessen wie möglich sein zu wollen, also freundlich und korrekt.

Es betreten dann immer mehr Teilnehmer den Raum. Ich bin nicht immer anwesend, mal zur Toilette, mal zur Rezeption des Hotels, um den Ablauf zu besprechen, mal mit einzelnen Teilnehmern direkt im Gespräch. Und ich bemerke jedes Mal, wenn ich umherblicke, die Fragezeichen der Teilnehmer: Das soll unsere Dozentin sein? Wie alt ist die wohl? Warum guckt die einen nicht an und begrüßt uns nicht? Was ist mit der los, warum guckt die so komisch?

Sophie

Die Nervosität vor den großen Seminaren hat sich zwischenzeitlich etwas gelernt. Ich kenne den Ablauf, die eingebauten Witze, im günstigsten Fall sogar den Seminarraum. Die einzigen zwei Unsicherheitsfaktoren: Der Philosoph. Und die Seminarteilnehmer.

Wir haben es zur Regel gemacht, schon frühzeitig vor Ort zu sein – das ist vor allem mir geschuldet, den ich rechne mit allem Möglichen: Stau, Software-Crash, Hardware-GAU oder – mein Alptraum – ein leerer Seminarraum, weil alle angemeldeten Teilnehmer verschlafen haben.

Der Philosoph hat zudem ein schon beängstigendes Gespür dafür, wann die ersten Teilnehmer eintrudeln werden: dann verschwindet er spurlos. Und ich stehe allein im Raum, mit PC und Beamer beschäftigt. In vielen Fällen marschieren die Teilnehmer ein und setzen sich schweigend. Das ist mir am liebsten. Manchmal kommt ein „Guten Morgen“, was ich dann mit einem obligatorischen „Hallo“ erwidere. Manche Teilnehmer scheinen unentschlossen, sie öffnen die Tür, schauen in Raum und bleiben dann vor der Tür stehen. Und dann gibt es noch die Mutigen, die mir irgendwelche Fragen stellen, die gerade so gar nicht relevant sind. Was es zum Mittagessen gibt. Wann die Kaffeepausen sind. Oder wie es mir geht, obwohl wir uns gar nicht kennen. Diese halbe Stunde VOR dem Seminar ist streng genommen die anstrengendste.

Platon

Ich habe mittlerweile gut gelernt, diese mal mehr und mal weniger deutlich sichtbare Irritation der Teilnehmer einfach zu ignorieren. Wir fangen dann an, immer beginne ich. Sophie stellt sich dann kurz vor, und dann geht es direkt mit meinem Part wieder weiter. Ein langes erstes Kapitel, und noch ein weiteres zweites Kapitel. Zwischendurch kommen Kommentare, Ergänzungen und Beispiele von Sophie. Die Teilnehmer versuchen in aller Regel, sich die eigene Irritation nicht anmerken zu lassen. Insbesondere, da Sophie ja durchaus klar und verständlich referiert. Nicht selten im Gegensatz zu mir phasenweise.

Im dritten Kapitel nach der ersten Kaffeepause kommt dann der große Knall. „Fragen wir sie doch mal selber…“ ist meine Überleitung beim Thema Autismus, nachdem ich ein anonymes Einführungsbeispiel zur Diskussion gestellt habe. Oft geht ein spürbares Raunen durch den Raum. Manche sagen, sie hätten es schon geahnt. Manche sind etwas verärgert, weil wir sie ins offene Messer haben laufen lassen. Manche finden dieses Vorgehen eindrucksvoll, andere die eigenen Eindrücke und Wirkungen, die dann im Rückblick neu betrachtet werden, besonders hilfreich beim Zugang zum Thema Autismus.

Sophie

Die ersten zwei Themenblöcke sind so gelegt, dass ich mich kaum beteiligen muss. In der Regel ist das der Part des Philosophen, nur bei juristischen Feinheiten oder auch komplexen Themenabschnitten springe ich mit ein, wenn ich merke, dass er zu diffus und ungenau wird.

Ich nutze diese ersten beiden Stunden normalerweise, um ein Gespür für die Menschen vor mir zu bekommen. Wo sitzt der Querulant, wo derjenige, der es ganz genau wissen will und wo der, der eigentlich was ganz anderes erwartet hat? Das hilft mir, um später einschätzen zu können, wer den gewohnten Ablauf stören könnte – nicht, dass ich mit meiner Einschätzung jemals richtig gelegen hätte. Aber bevor ich nicht zumindest eine Art Basiswissen über die Teilnehmer vor mir habe, fällt es mir schwer, mich überhaupt in die gesamte Seminarthematik einzulassen.

Nach etwa zwei Stunden – je nachdem, wie heftig das Thema „Legasthenie und Nachteilsausgleiche“ oder das Thema „Medikamente bei AD(H)S“ diskutiert wurde – beginnt die Überleitung zu meinem Part des Seminars: der Themenblock Autismus-Spektrum-Störungen. In der Regel kann ich dann nach der überraschenden Offenbarung des Philosophen („Sie finden das schräg? Fragen wir sie doch selbst mal, wie sie das findet. Sie ist nämlich hier.“) mein Konzept in die Tonne werfen, denn die Fragen prasseln nur so auf mich ein. Wir sagen bewusst im Vorfeld nichts, denn trotz aller meiner Bemühungen scheine ich in den ersten zwei Stunden als reine Studienassistenz wahrgenommen zu werden, deren Aufgabe es ist, bei der Powerpoint auf „Nächste Folie“ zu klicken. Eine Teilnehmerin meinte sogar, dass die in der Ankündigung ausgeschriebene Dozentin noch kommen würde und ich demnach noch gar nicht anwesend sei.

Es ist faszinierend, dass der Effekt ein ums andere Mal reproduzierbar ist. Die Teilnehmer basteln sich die absurdesten Theorien über meine Person in diesen zwei Stunden zurecht – konkret nachgefragt hat aber noch keiner, obwohl in den Theorie-Einheiten alle nach ihren eigenen Aussagen ganz eifrige Frager sind, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt.

Wir lösen diese Irritationen (und manchmal auch Verlegenheiten) sehr bewusst aus, denn letztendlich sind diese wilden Theorien Bestandteil meines Alltags: Anstatt zu fragen, konstruieren die Menschen Dinge, die nicht sind. In der Regel zu meinem Nachteil… denn was es konkret ist, was den Menschen „komisch“ vorkommt, dass konnte mir in all den Monaten nicht ein Seminarteilnehmer adäquat erklären.

Platon

In der Mittagspause, beim gemeinsamen Essen am großen Tisch, nimmt Sophie nie teil. Sie bleibt dann im Seminarraum. Dann kann sich so mancher Teilnehmer einen Kommentar nicht verkneifen. Zum Beispiel: „Ich dachte, die hätte die ganze Nacht durchgefeiert und wäre jetzt noch ganz verkatert, so wie die aussah und wirke.“ Ein anderer: „Am Anfang dachte ich, dass die ja total verstört ist.“ Oder: „Unfreundlich und abweisend“. Und Sophie resigniert später wieder: „Ich gebe mir soviel Mühe. Was mache ich denn falsch? Ich dachte,heute merkt endlich mal niemand etwas und es ist alles okay verlaufen.“

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 31. Januar 2016 in Alltägliches

 

Die andere Sicht der Dinge

Platon

Mittlerweile sind wir bei den Seminaren ein eingespieltes Team. Zumindest wirkt es bei mir so. Und offenbar auch bei den Teilnehmern. Kleine Geschichten und Witze sind schon fest eingeplant und ritualisiert. Und doch überraschen wir uns dabei immer wieder selbst. Ein schönes Beispiel ist meine kleine Einleitung zum Thema „Theory of mind“. Ich beginne diese Episode immer mit der Geschichte von Max und seiner Muttter. Doch vorab erkläre ich den Teilnehmern die Aufgabe, die am Ende der Geschichte von ihnen abverlangt wird:
„Ich erzähle Ihnen jetzt eine Geschichte von Max und seiner Mutter. Beide haben nichts mit Autismus, ADHS oder sonstigen Diagnosen zu tun. Ich werde Sie lediglich am Ende der Geschichte Fragen, aus welchem Schrank Max die Schokolade als erstes herausnehmen möchte. Bitte antworten Sie dann ganz spontan und ohne nachzudenken.
Und dann beginne ich mit der Geschichte:
Max geht mit seiner Mutter einkaufen. Im Supermarkt sucht sich Max eine Tafel Schokolade aus und legt sie in den Einkaufskorb.
Manchmal erzähle ich allein diesen Vorgang noch weit ausschweifender. Um die Spannung aufzubauen und damit die Geschichte nicht zu kurz wird.
„Zuhause angekommen, packt die Mutter in der Küche den Korb aus. Max greift sich die Schokolade und legt sie in den …“ Hier ist jetzt ein entscheidender Punkt. Ich zeige mit einer deutlichen Geste zur Wand an meiner Rechten und wähle auch gleichzeitig die an dieser Wand dominierende Farbe, also etwa die Tapete, Vorhänge, Fensterrahmen oder ähnliches. Das heißt, bei meiner Geschichte verwende ich immer unterschiedliche Farben für die Schränke. In diesem Fall ist die Wand gelblich. „… gelben Schrank. Er legt die Schokolade also in den gelben Schrank. Dann geht er aus dem Haus zum Fußball spielen. Derweil backt die Mutter einen  Kuchen. Dafür benötigt sie etwas Schokolade. Sie erinnert sich, dass  Max die Tafel in den gelben Schrank gelegt hat. Sie nimmt also die Schokolade aus dem gelben Schrank und bricht sich die benötigte Menge von der Tafel ab. Dann legt sie etwas gedankenverloren den Rest der Tafel Schokolade in den …“ Jetzt orientiere ich mich mit einer deutlichen Körperbewegung zur gegenüber liegenden Seite. In diesem Fall die Fensterseite mit dicken braunen Fensterrahmen. Damit ist also die Farbe Braun für den zweiten Schrank spontan gefunden. „… braunen Schrank. Sie legt also die Resttafel in den braunen Schrank. Danach macht sie etwas anderes und verläßt die Küche. Etwas später kommt Max nach Hause und er hat großen Hunger auf etwas Süßes. Er läuft direkt in die Küche, ohne dabei seiner Mutter zu begegnen. Er möchte sich seine Tafel Schokolade nehmen.“ Jetzt richte ich meine Frage, also die Pointe der Geschichte, unmittelbar an die Teilnehmer: „Was glauben Sie, in welchem Schrank wird Max zuerst nach der Tafel schauen?

Sophie

Als Autistin die Theory of Mind zu beschreiben, das ist vergleichbar mit einem Blinden, der Farben zu erklären versucht. In den Seminaren, in denen ich es versuchte, merkte ich, dass ich immer wieder ins Schleudern kam. Irgendwann trat ich den Part an den Philosophen ab – auch wenn der seinen Einsatz in schöner Regelmäßigkeit verpennt. Das führt dann zu einer längeren Pause, einem langen Schweigen und schließlich seiner Frage: „Ach so, ich bin dran, oder?“ Spätestens, wenn ich dies bestätige, lacht sich ein Teil der Teilnehmer schlapp – warum auch immer.

Wenn der Philosoph mit der Geschichte von Max und der Schokolade beginnt, bin ich immer unsicher. Denn ich kann nie vorhersagen, welche Variante der Geschichte er jetzt erzählt. Ich warte auf den Tag, an dem er so ausschweift, dass wir auch noch den Preis für die Schokolade erfahren und ob es ein Sonderangebot war oder nicht. Soweit kam es bislang noch nicht. Trotzdem verwirrt er mich jedes Mal aufs Neue, denn Max scheint in der Geschichte eine sehr renovierungsfreudige Mutter zu haben – jedes Mal haben die Schränke eine neue Farbe, was es mir unmöglich macht, mir einfach den Lösungsschrank zu merken. Ich merke dann schnell, dass ich überhaupt Probleme habe, der Geschichte an sich zu folgen, denn permanent spukt in meinem Kopf die Farbe der vorigen Schränke herum. Spätestens eine halbe Minute später ist es mir fast unmöglich, die aktuelle Farbe der Schränke zu rekapitulieren.

Gleichzeitig beobachte ich die Seminarteilnehmer, die jedes Mal am Ende der Geschichte blitzartig ihre Antwort hinausposaunen. Und genau das machen, was Theory of Mind ausmacht: Sie versetzen sich in Max‘ Lage und nehmen seine Sicht der Dinge ein. Rasend schnell, intuitiv, ohne darüber nachzudenken. Beeindruckend.

Platon

Obwohl einige Teilnehmer darin eine Fangfrage vermuten oder einfach nur denken, dass die Frage doch wirklich zu simpel sei, wird fast immer einstimmig und ganz spontan der richtige Schrank benannt. In diesem Fall natürlich der gelbe Schrank.

Und dann kommt meine Auflösung. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben häufig Probleme, diese doch recht einfache Frage intuitiv und spontan zu beantworten. Es fällt ihnen schwer, automatisch und unbewußt gleichzeitig die Situation aus der Sicht von Max einerseits und der Sicht der Mutter und des Erzählers andererseits zu betrachten. Zur Beantwortung sind also zusätzliche kognitive Anstrengungen nötig, die etwas mehr Zeit benötigen. Aber das kann dann Sophie besser beschreiben. Denn selbst sie hat ihre eigene „Eselsbrücke“, mit der sie diese Frage beantwortet, obwohl sie diese Geschichte mittlerweile auswendig kennt.
Ich wechsle übrigens immer wieder die Farben der Schränke, damit ich selbst nicht durcheinander komme. Ich orientiere mich am Raum und dessen Farbgebung. Und die Farben variieren natürlich von Seminarort zu Seminarort. Was meinem schwachen Kurzzeitgedächtnis hilft, verwirrt Sophie  immer wieder. Ein interessanter Nebeneffekt, der oft für Heiterkeit beim Seminar sorgt und  die Aufgabe für Sophie immer wieder abwechslungsreich gestaltet.

Sophie

Sapperlot. Da war es wieder. Dieser Moment der Verwirrung, der mich immer wieder überkommt, wenn die Teilnehmer unisono „gelb“ antworten – und ich mir denke: „Hä? Nein. Braun. Weil… achso.“ Fehler erkannt, Fehler nicht gebannt. Ich bin stets erneut erstaunt, wie schwer es mir scheinbar fällt, dieses einfache Beispiel zu lernen und zu verinnerlichen. In den ersten Seminaren hatten die Schränke noch gleichbleibende Farben, sodass ich mir sagen konnte: Der erste Schrank, der mir einfällt (in diesem Fall also der braune), der ist es NICHT. Das braucht einige Sekundenbruchteile länger, fällt im Kommunikationsgeschehen aber nicht auf. Zumindest meist nicht. Mit dem Farbenwechsel komme ich in große Schwierigkeiten. Denn erst muss ich mir vergegenwärtigen, welche Farbe die blöden Schränke haben und wo sie hängen, dann muss ich diese beiden Gedankengänge zusammenführen und erst dann kann meine Eselsbrücke zum Tragen kommen. Das heißt: Die Schokolade lag im rechten Schrank und liegt nun im linken. Der Schrank links ist braun, der rechts gelb. Meine erste Antwort wäre links – in diesem Fall braun – gewesen, also muss es rechts – ergo gelb – sein. Wenn ich diese Gedankengänge erkläre – die für mich eigentlich vollkommen normal finde – dann ernte ich häufig Verblüffung. Das sei ja wahnsinnig kompliziert und anstrengend. Ja. Aber nicht der Denkvorgang an sich, sondern die Tatsache, dass vorausgesetzt wird, dass jeder Mensch intuitiv diese Theory of Mind anwenden kann. Und ich dann in Teufels Küche komme, wenn ich gerade nicht weiß, dass ich eine Denksportaufgabe im Sinne von „In welchem Schrank ist die Schokolade?“ absolvieren muss. Das können schon banale Alltagsfragen sein. Die einfache Frage „Was gibt es bei dir Neues?“ setzt nämlich bereits genau das voraus. Ich muss dann nämlich wissen, was mein Gegenüber als „neu“ definiert – und in einem weiteren Schritt als „interessant“. Ich beobachte immer wieder, dass andere Menschen scheinbar aus dem Nichts heraus den richtigen Punkt erwischen, der für das Gegenüber „neu“ und „interessant“ ist. Ohne darüber nachzudenken. Wohingegen mir diese Fähigkeit der Theory of Mind gleich rätselhaft vorkommt wie die Teleportationskunststücke der großen Magiere.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 1. Januar 2016 in Alltägliches

 

Wir sind wieder da

Es hat länger gedauert als gedacht. Das war viel Arbeit und zu wenig Zeit geschuldet – ihr kennt das vielleicht.

Wie auch immer: Viel hat sich hier im vergangenen halben Jahr getan und nun ist es soweit. Sophie und Platon sind wieder da. Wir haben uns entschlossen, nicht mehr in einem regelmäßigen Turnus zu bloggen, da wir uns damit selbst unter Druck setzen und für uns dann ab einem gewissen Punkt auch die Kreativität und damit auch irgendwann die Freude am Blog verloren geht.

Im Gepäck haben wir nun viele Geschichten, Anekdoten, Begebenheiten und auch ganz neue Ideen. Wir freuen uns auf euch.

Einen schönen vierten Advent wünschen

Sophie und Platon

 
2 Kommentare

Verfasst von - 20. Dezember 2015 in Alltägliches

 

Zwischen Stand

Es war mal wieder etwas länger ruhig hier. Das hat mehrere Gründe, über die wir euch nicht im Dunkeln lassen möchten.

Wahrscheinlich ist es schon aufgefallen, dass wir in den vergangenen Wochen etwas an Fahrt verloren haben. Uns ist das passiert, was bei jedem Blog einmal passiert: wir haben einen toten Punkt erreicht. Einmal, weil wir unsicher sind, welche Geschichten noch interessant sind. Zum anderen, weil wir ein kleines Zeitproblem bekommen (was für uns eigentlich gut, für den Blog aber schlecht ist). Und somit standen wir vor der Entscheidung: Weitermachen oder Aufhören. Die gute Nachricht: Wir haben uns fürs Weitermachen entschieden. Die weniger gute Nachricht: Wir machen eine Pause über den Sommer hinweg.

Wir sind beide beruflich sehr eingebunden, in den vergangenen Wochen konntet ihr die Vorbereitungen dazu ja intensiv verfolgen. Sophie hat sich beruflich umorientiert und ist dort zwischenzeitlich in den unterschiedlichsten Bereichen (eigene Praxis, Erwachsenenbildung, therapeutische Langzeitmaßnahmen durch öffentliche Träger, etc.) voll eingebunden und in ihrer Art akzeptiert. Der Philosoph begleitet den neuen Berufsstart in einigen Teilen mit seinen Erfahrungen, in anderen beruflichen Bereichen hat Sophie Eigeninitiative entwickelt und zumindest hier ein gewisses Maß an Eigenständigkeit realisieren können. Die „typischen Alltagsschwächen“ sind natürlich geblieben, fallen aber nun bei weitem nicht mehr so stark ins Gewicht.

Aber zwischenzeitlich ist klar, dass wir uns von der ursprünglichen Idee des Blogs doch etwas entfernt haben. Wir sind raus aus der Therapiesituation. Und auf ganz neuen und anderen Wegen unterwegs, mit denen wir beide nicht gerechnet haben und die uns viel Freude bereiten. Wir arbeiten nun schwerpunktmäßig auf den Gebieten AD(H)S und Autismus zusammen und verfolgen hier einen ganz neuen Ansatz. Und damit sind wir wieder beim Blog: Der therapeutische Alltag bietet uns ganz viele interessante Geschichten. Nur sitzt Sophie jetzt – im übertragenen Sinne – auf dem anderen Stuhl. Was uns in der Praxis für große und kleine Situationen unterkommen und wie wir sie gemeinsam mit den Klienten und anderen Institutionen zu lösen versuchen, könnt ihr hier ab Herbst verfolgen. Wir freuen uns auf euch.

Sophie und Platon

 
3 Kommentare

Verfasst von - 19. April 2015 in Alltägliches

 

Frohes Eiersuchen

Ein bisschen rar mussten wir uns in den vergangenen Wochen machen, denn die Arbeit nimmt uns doch sehr ein. Jetzt sind ein paar Tage frei.

Wir wünschen euch ein schönes Osterfest und frohes Eier suchen.

Sophie und Platon

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 4. April 2015 in Alltägliches

 

Die Zugfahrt – Teil II

Platon

Die Geschichte, die mir Sophie erzählt, scheint im ersten Moment kaum vorstellbar. Je mehr ich aber darüber nachdenke, umso deutlicher sehe ich die Szene vor mir, und um so klarer wird mir auch, warum gerade Sophie für diese Intervention am besten geeignet war. Da Sophie ohnehin ohne Blickkontakt unterwegs ist, fällt ihr ein bewußt unterlassener Blickkontakt nicht schwer. Da sie auch nonverbal so gut wie unsichtbar in sozialen Situationen agiert, braucht sie sich keine zusätzlichen Gedanken darüber zu machen, wie sie nonverbal ihre Entschlossenheit demonstriert. Sie ist einfach wie sie immer ist. Sie weiß ja nicht einmal genau in der Situation, ob sie Angst haben soll oder nicht oder diese sogar tatsächlich verspürt. Und gerade das macht Sophie offenbar in dieser Situation so stark, so überzeugend und unangreifbar. Sie bleibt auf der Sachebene, zeigt keine Emotionen. Stur den Blick auf irgendwelche Details gerichtet, die Mimik ohne jegliche soziale Modulation.

Sophie

Ich sitze den beiden Handy-Störenfriede schräg gegenüber. Das Gedudel ist so nervig, ich meine zu spüren, wie meine Nerven sich anspannen. Das geht mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven. Und nicht nur mir. Auch den anderen Zugteilnehmern, die immer wieder laut schimpfen, aber keine spürbare Reaktion von der Musik-Fraktion erhalten.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. Suche im Menü und finde das Lied, dass mir eine Bekannte vor einigen Wochen mit dem Vermerk „Musik als Folter“ geschickt hat. Zum türkischen Techno gesellt sich Helene Fischer. „Wir ziehen durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt, das ist unsere Nacht, wie für uns beide gemacht, oh-oh, oh-oh…“ Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die beiden Herren sich aufsetzen. Ich vermute, dass sie in meine Richtung schauen, bin aber nicht sicher. „Was das zwischen uns auch ist, Bilder, die man nie vergisst…“ Das ist ja wirklich Folter.

Platon

Sie spiegelt letztlich das Verhalten der Störenfriede, und gibt diesen gleichzeitig keine Chance, etwas dagegen zu unternehmen. Das letzte Mittel wären nur Handgreiflichkeiten, und dazu waren die drei Herren dann wohl doch nicht bereit. Oder vielleicht doch? War es gefährlich? Ich diskutiere mit Sophie darüber, und merke, dass sie nicht in der Lage war, die Gefahr einzuschätzen. Ich übrigens auch nicht, zumindest nicht aus ihren Erzählungen. Nennt man so etwas nun Civilcourage oder Risikofreude? Oder Dumm? Nicht wenige mussten für ihren Mut und ihr Engagement schmerzhaft bezahlen.

Auf jeden Fall war Sophie in diesem Abteil vermutlich ein kleiner Star, jemand, der durch sein Handeln das Wohlwollen und den Respekt der Mitreisenden auf plötzlich auf seiner Seite hatte. Für einen kurzen Moment ist Sophie aus der sozialen Unscheinbarkeit in das Scheinwerferlicht des täglichen gesellschaftlichen Wahnsinns gerückt.. Mit Erfolg und Applaus. Auch ich zolle ihr meinen Respekt. Und ich überlege, ob auch ich dazu bereit gewesen wäre. Und wie es dann wohl geendet hätte? Auf jeden Fall geht mir seit dieser Erzählung das Lied von Helene Fischer lange nicht mehr aus dem Kopf. Und diese ganze Situation. Schade, das wäre eine tolle Aufnahme für ein Handyvideo gewesen …

Sophie

Helene Fischer setzt an zum Refrain: „Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht.“ Meine Güte. Endlich hat die Fraktion gegenüber ein Einsehen. Vielleicht funktioniert auch der Folter-Aspekt. Auf jeden Fall hört die Geräuschbelästigung drüben genauso schlagartig auf, wie sie begonnen hat. Die beiden schalten das Handy aus. Ich tue es ihnen – immer noch ohne einen Blick hinüber – gleich und im Abteil herrscht für ein paar Sekunden Stille. Zu meiner Verblüffung beginnt das ältere Pärchen einige Reihen weiter zu klatschen. Die anderen Zuggäste tun es den beiden gleich. Mir ist das unangenehm. Ich wollte doch nur meine Ruhe.

Eine Viertelstunde später sehe ich, wie einer der beiden Männer erneut sein Handy aus der Tasche zieht. Ohne einen Blick hinüber greife ich zu meinem Telefon. Wir können das Spielchen gerne noch mal machen, denke ich mir. Aber die Konditionierung scheint funktioniert zu haben. Ich sehe, dass er mir einen langen Blick zuwirft. Was auch immer der heißen mag. Und dann sein Handy wieder einsteckt. Na bitte. Einziger Nachteil: Das Pärchen am anderen Ende des Abteils fand die Geschichte so toll, dass sie sich zu mir setzen und mir vom Ziel ihrer Reise erzählen…

Als ich glücklich meinen Zielbahnhof ohne weitere Vorkommnisse erreicht habe, erzähle ich dem Philosophen von dem Zwischenfall. Und vor dessen Auge scheinen ganze Horrorszenarien mit Schlägereien und was weiß ich nicht alles aufzutauchen. Ich hatte überhaupt nicht bedacht, dass irgendwas hätte schiefgehen können. Für mich gab es nur: Kann funktionieren. Kann aber auch nicht.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 25. März 2015 in Alltägliches

 

Schlagwörter: , ,

Die Zugfahrt – Teil I

Platon

Sophie muss alleine mit dem Zug fahren. Es geht sehr früh morgens los, es muss einige Male umgestiegen werden. Ob das gut geht? Ich habe da ja echte Bedenken. Eigentlich kann sie ja solche Dinge, solange nichts Unvorhergesehenes eintritt. Solange alles nach ihrem Plan läuft. Und da gibt es ja so enendlich viele kleine Details und Umstände, die bedacht werden müssen. Dinge, über die ich mir in aller Regel nicht Gedanken mache, oder erst, wenn es soweit ist. Ich bin gespannt, denke aber auch gleichzeitig, dass es einerseits ein gutes Training ist und andererseits von ihr selbst ja auch so gewollt ist.

Sophie

Es ist fünf Uhr morgens. Um pünktlich beim Seminar anzukommen, muss ich so früh los. Der Parkplatz hat keine funktionierende Parkuhr, die wird erst um sieben aktiviert. Ich bin ratlos, aber ich muss zum Zug. Wagen abstellen, geistige Notiz für „Du bekommst bestimmt einen Strafzettel“. Verdammt. Welche Hohlbirne hat bei der Einrichtung der Parkuhr nicht bedacht, dass es auch Menschen gibt, die vor sieben Uhr einen Zug erreichen müssen?

Am Bahnhof begegnen mir Gruppen betrunkener junger Menschen. Großartig. Nicht. Ich fühle mich unwohl, unsicher. Stelle fest, dass mein Zug schon am Gleis wartet. Es sind überraschend viele Menschen im Abteil. Ein älteres Pärchen hier, zwei Männer südländischer Abstammung da, eine weitere Frau, die sehr gut gekleidet ist, dort. Der Pulk betrunkener Jugendlicher zieht lärmend durchs Abteil, geht dann aber – zum Glück – weiter. Ich krame meinen Fahrplan heraus. Ich habe die Verbindung rausgesucht mit den wenigsten Umstiegen. Ich muss am nächsten Bahnhof nur auf das gegenüberliegende Gleis und habe dafür 45 Minuten Zeit. Das sollte auch ohne Unfälle zu schaffen sein.

Platon

Ich hole Sophie dann vom Bahnhof ab. Ich kann dann ja sofort aus erster Hand erfahren, wie die Zugfahrt und alles andere funktioniert hat. Interessant ist ja auch, ob sie überhaupt ankommt, oder ob nicht ein Notfallplan gestartet werden muss. Sophie kommt aber an, und sie scheint auch guter Dinge zu sein. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir vor, wie sie unscheinbar und still, leicht ängstlich und verstört wirkend im Abteil gesessen hat. Nach den üblichen ersten Begrüßungsfloskeln berichtet Sophie, dass ihr heute sogar im Zug applaudiert wurde. Ich staune. Das erscheint mir sogar fast unvorstellbar. Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Ich weiß ja, dass Sophie jederzeit für spontane Aktionen und Überraschungen gut. ich kenne das ja auch aus den gemeinsamen Seminaren. Aber was soll denn jetzt im Zug mit wildfremden Menschen passiert sein? Und dann sogar noch Applaus. Das ist ja selbst mir noch nie passiert.

Sophie

Es ist halb sechs. Draußen dämmert es ganz langsam. Im Zug ist eine müde Stille. Die schlagartig durch ein lautes, undefinierbares Geräusch unterbrochen wird. Die beiden Herren, die nun nachweislich aus der Türkei kommen, haben ihr Handy angestellt. Und hören tiefenentspannt irgendwas zwischen türkischem Disko-Pop und Techno. Das ist… grausam. Und ich bin wirklich irritiert. Ein solches Verhalten kenne ich von pubertierenden Jugendlichen oder Testosteron-gesteuerten, aber tendenziell eher nicht zum Abschuss kommenden Mit-Zwanzigern. Für die diese Art der Aufmerksamkeit, die nur durch massives Störverhalten gewonnen werden kann, die einzige Aufmerksamkeit ist, die sie überhaupt bekommen. Die beiden Herren passen weder in die eine noch in die andere Kategorie.

Ein Fahrgast steht auf. Geht hinüber, bittet darum, dass die Musik ausgestellt wird. „Wa? Nix Deutsch. Nix Deutsch“, kommt als Antwort. Bislang dachte ich immer, solche Episoden gehören zu urbanen Legenden. Die Musik dröhnt durch das Abteil, schmerzt in den Ohren und – bitte nicht lachen – in den Zähnen. Extrem unangenehm. Ich überlege. Ansprechen hilft nichts, das hat sich gerade gezeigt. Ich könnte das Abteil wechseln – habe dann aber vielleicht die betrunkenen Jugendlichen da, was genauso wenig amüsant werden könnte.

Plötzlich poppt in meinem Kopf eine Idee auf. Irgendwie verrückt. Aber ich muss lachen. Wenn das klappt… soll ich es wagen?

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 21. März 2015 in Alltägliches

 

Jedem seine Prüfung – Teil VIII

Sophie

Ich schaue die Psychiaterin an. Bin irritiert. Das Ticken der Uhr hinter mir hallt in meinen Ohren. „Ihre ganze Art macht mich wahnsinnig.“ Der Satz schwebt im Raum. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Entscheide mich schließlich zum Versuch eines Lächelns. Tick. Tick. Tick. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, als ließe sie sich dadurch zum Schweigen bringen. Die erste Frage beginnt. Grundlagenwissen. Die Psychiaterin stellt die Fragen genau konträr zum Buch, möchte also nicht den verschiedenen Krankheitsbildern Symptome zugeordnet bekommen. Vielmehr nennt sie einzelne Symptome und möchte alle dazu passenden Krankheitsbilder hören. Im Geiste blättere ich in Windeseile die Seiten meines Buches durch – gerade erweist sich das fotografische Abspeichern von ganzen Seiten als eher kontraproduktiv. Ich bin nicht so schnell wie in der ersten Runde. Formale Denkstörungen – ich blättere. Tick. Tick. Tick. Der Psychiaterin geht es zu langsam. Und ich merke zunehmend, dass wir aneinander vorbeireden. Ich frage genauer nach. Suche nach einer Möglichkeit, nicht nur das zu hören, was sie sagt, sondern auch das zu verstehen, was sie meint – und das sind hier teils zwei komplett verschiedene Sachen. Tick. Tick. Tick. Noch ein Blick zur Uhr. „Gucken Sie da nicht so hin. Sie haben noch Zeit. Ich lass Sie nicht gehen.“ Für einen Moment überlege ich, pampig zu werden. Bin mir zwischenzeitlich sicher, dass wir uns nicht mögen. Rette mich wieder in die Thematik. Tick. Tick. Tick. Nicht zur Uhr hören, nicht zur Uhr sehen. Und gleichzeitig schnell antworten. Ich merke, dass meine Grenze erreicht ist. In dem Moment entlässt mich die Prüfungskommission aus ihren Klauen und schickt mich aus dem Raum.

Platon

Sophie ist an diesem Tag die erste Geprüfte. Danach bin wieder ich für die folgenden Prüfungen als Prüfer vorgesehen. Ich erfahre also das Ergebnis unmittelbar im Anschluss an die Prüfung. Ich muss zugeben, dass auch ich sehr aufgeregt und gespannt bin. Ich befinde mich noch im Gespräch mit der zweiten Prüfungsvorsitzenden im Sekretariat des Gesundheitsamts, als Sophie die Treppe herunter gelaufen kommt. Ich sehe ihr an, dass sie bestanden hat. Das sagt sie mir auch. Es scheint aber irgendwie sonderbar gewesen sein, die gesamte Prüfungssituation. Ich bin erleichtert, möchte jetzt aber nicht tiefer ins Detail gehen. Das wäre hier vor Ort unpassend.

Sophie

Mit jedem Schritt zurück in den Prüfungsraum scheint der Gang länger zu werden. Ich sitze, lächle, hoffe. Und dann das erlösende Wort: Bestanden. Ungläubig höre ich nochmal hin. Ja, bestanden. Wie in Trance spule ich das Verabschiedungsprogramm ab, dass ich mir vorher sorgsam zurechtgelegt habe. „Danke, einen schönen Tag noch.“ Reihum Hände schütteln, des guten Eindrucks wegen. Lächeln. Kaum aus dem Raum fällt die mir unangenehme Rolle von mir ab. Bestanden. Trotz wahnsinniger Psychiaterin. Trotz tickender Uhr. Trotz minimalem Lernaufwand. Trotz der vielen „Aber-„Situationen im Voraus. Im Foyer treffe ich den Philosophen, der die Prüfung nach mir machen wird. Die Kräuterhexe mit ihren positiven Schwingungen, die sie nicht durch die Prüfung tragen werden.

Ich sitze im Auto, habe direkt einen Anschlusstermin, ein Seminar, das ich alleine halten muss. Bislang habe ich es erfolgreich ausgeblendet. Und dann sage ich zum ersten Mal meinen neuen Vorstellungssatz: „Mein Name ist Sophie. Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie.“

Platon

Ich gehe in den Prüfungsraum, bereite mich auf die folgenden Gespräche vor. Als die Amtsärztin den Raum betritt, kommen wir noch einmal kurz auf die Prüfung von Sophie zu sprechen. Natürlich nicht im Detail, nicht über Inhalte, wohl aber über eine gewisse Verwirrung bei den Beteiligten. Ich hatte Sophie ja schließlich als jemanden angekündigt, mit dem ich im Rahmen von Seminaren und weiteren beratenden und therapeutischen Maßnahmen zusammenarbeiten möchte. Mir fällt unvermittelt die laut tickende Uhr im Prüfungsraum auf. Das muss Sophie wahnsinnig gemacht haben. Ich thematisiere das Ticken der Uhr. „Achso, darum blickte sie da immer hin. Ich dachte schon, sie wartete nur darauf, dass die Prüfung bald zu Ende sei“, sagt die Psychiaterin. Ich denke jetzt: Mit einem blauen Auge davon gekommen. Und zwar nicht nur Sophie.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 7. März 2015 in Alltägliches

 
 
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 315 Followern an